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11.04.2008

Bundestag lockert Stammzellen-Gesetz

Ein netter Traum: Alzheimer ist heilbar, Herzinfarkte und Diabetes längst nicht mehr dramatisch und wenn die Niere versagt, lassen wir uns einfach ein persönlich abgestimmtes Organ im Labor nachzüchten. Möglich werden sollten solche Wunder – glaubte man euphorischen Forschern – dank embryonaler Stammzellen.

So jedenfalls hatten sich das einige Wissenschaftler 1998 für die nahe Zukunft ausgemalt. Kurz zuvor hatte in Schottland das sogenannte Klon-Schaf Dolly das Licht der Welt erblickt – gezüchtet aus der Retorte und ausgestattet mit den identischen Erbmerkmalen wie Dollys Eltern. Das Wunder, die fantastisch anmutenden Eigenschaften der Stammzellen zur Heilung schwerster Krankheiten beim Menschen anwenden zu können, schien zum Greifen nahe.

Heute, zehn Jahre danach, fehlen immer noch die Erfolge; gibt es noch keine wirksame Therapie, die sich auf das Klonen embryonaler Stammzellen zurückführen ließe. Die Forscher sind inzwischen denn auch deutlich leiser geworden. Gleichwohl sind Stammzellen weiterhin die große Hoffnung der Medizin. Wissenschaftler glauben, dass sich aus den noch nicht ausdifferenzierten Zellen eines Tages alle möglichen Ersatzorgane und -gewebe individuell züchten lassen. Bis jetzt standen dem Forschergeist dabei allerdings moralische Bedenken im Wege, besonders weil sich die begehrten Zellen nur aus getöteten Embryonen gewinnen ließen.
Jenseits aller Hoffnungen, die auf die Nutzung von Stammzellen aufbauen, ist die Forschung an ihnen längst zu einem veritablen Wirtschaftsfaktor geworden. Großbritannien leistet sich genau aus diesem Grunde eine internationale Stammzellen-Bank, die Wissenschaftler weltweit mit den begehrten Forschungsobjekten beliefern soll. Dass die britische Regierung jetzt sogar der Herstellung von Mischembryonen aus Mensch und Tier zugestimmt hat, ist zwar bedenklich, überrascht aber schon deshalb nicht mehr. Das war nur konsequent im Kontext der vorangegangenen Experimente.
Gleichwohl: Die ethischen Einwände gegen das Klonen menschlicher Zellen haben nichts von ihrer Aktualität verloren. Eine Erzeugung von Stammzellen ohne Zerstörung des Embryos wäre ein Ausweg aus diesem Dilemma, an dem Stammzellenforscher derzeit noch arbeiten. Solange dies noch so ist, ist die Forschung an embryonalen Stammzellen in den meisten Ländern stark eingeschränkt oder verboten. Es darf wohl damit gerechnet werden, dass die Wissenschaft, die hinter den Klonexperimenten steht, sich rasch weiter entwickeln und das Problem lösen wird. Was dann bleibt, ist das grundsätzliche Unbehagen darüber, dass in der Stammzellforschung menschliche Embryonen zu einem Rohstoff degradiert werden – ein kaum aufzulösender Widerspruch.