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27.06.2008

Bundeswehr in Afghanistan

Irgendwo in Deutschland sitzen heute Familien, die einen Menschen verloren haben. Sie trauern in einem weitgehend von Gefahren freien Land. Gleichwohl ist ein Angehöriger in einem Krieg gestorben, ermordet in Afghanistan, viele Tausend Kilometer entfernt. Es ist dieser krasse Gegensatz zwischen der friedlichen Welt in Deutschland und dem unfriedlichen Afghanistan, der den Zweifeln am Einsatz der Bundeswehr immer neue Nahrung gibt.

Es ist dieser Widerspruch zwischen dem subjektiven Sicherheitsempfinden in der Bundesrepublik und dem sicherheitspolitischen Leitsatz des früheren Verteidigungsministers Peter Struck, wonach Deutschlands Sicherheit eben am Hindukusch verteidigt werde. Und es ist die scheinbare Aussichtslosigkeit des Unternehmens Staatsaufbau in Afghanistan, das am Sinn der Entsendung der Bundeswehr zweifeln lässt. Immer wenn Opfer zu beklagen sind, wenn Soldaten getötet oder verletzt werden, werden auch die Zweifel besonders laut.
Immer wieder wird dann die Notwendigkeit des Einsatzes beschworen. Dabei ist die sicherheitspolitische Legitimation sogar nachvollziehbar: Von Afghanistan aus, gedeckt vom Regime der Taliban, konnte sich der Terror entwickeln, der den Westen, die USA aber auch Europa und sicher auch Deutschland zum Ziel hatte – auch wenn hierzulande viele glauben, man könne dem Terror entgehen, wenn man sich nur neutral genug verhalte.
Afghanistan muss also von seinem Schicksal als Kollaps-Staat erlöst werden – mit Hilfe von außen. Deshalb hat die Nato die Taliban vertrieben und deshalb schickten die UN eine Stabilisierungstruppe mit der Bundeswehr in den Norden des Landes. Afghanistan muss außerdem von den Terrorgruppen erlöst werden, die immer noch glauben, im Schatten der Taliban Macht an sich reißen zu können, und die außerdem verstanden haben, dass Afghanistan der Testfall für den Ideologiekampf zwischen Freiheit und Unterdrückung ist.
Jenseits davon stellt sich freilich die Frage, ob es nicht Zeit wäre für einen kleinen Realitätscheck: Macht ein Aufbaukonzept Sinn, das mit Hilfe einer Zentralregierung in einem historisch dezentralisierten Gemeinwesen angelegt ist und das wichtige Probleme wie den Drogenanbau oder die Parallelmacht lokaler Kriegsfürsten ausspart? Und wie lassen sich Aufbau und Militär miteinander verbinden? Darf ich also schießen und Luftaufklärung für die Terrorbekämpfung liefern, wenn ich eigentlich Brunnen graben und Straßen bauen will? Dieses Problem ist aber nur ein vermeintlicher Widerspruch. Denn Afghanistan ist das Paradebeispiel dafür, dass sich Sicherheit und Aufbau nicht voneinander trennen lassen. Neue Staudämme machen nur dann Sinn, wenn sie nicht gleich wieder von Terroristen gesprengt werden.