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02.05.2008

Das Phänomen Josef Fritzl

Bis vor wenigen Tagen war es für die Österreicher unvorstellbar, dass sich der Fall Kampusch wiederholen könnte, geschweige denn in noch brutalerer Form. Mag sein, dass sich eine Antwort auf die vielen Fragen nach dem „Warum“ in der hierarchischen, katholisch geprägten Familienstruktur finden lässt, die in der österreichischen Provinz traditionell vorherrscht. Der Mann gilt hier nach wie vor als patriarchalisches Familienoberhaupt und ist kaum einer Kontrolle oder Kritik ausgesetzt. Davon zeugt auch die Tatsache, dass die privilegierte Stellung des Mannes in der Familie noch bis vor kurzem im österreichischen Familienrecht verankert war.

Ein weiterer möglicher Grund könnte die auch hierzulande durchaus verbreitete Mentalität sein, sich aus Angelegenheiten der Nachbarn herauszuhalten, ja vielleicht sogar angestrengt wegzuschauen. Bei Kampuschs Entführer Wolfgang Priklopil und jetzt Josef Fritzl hat niemand etwas gesehen. Jedoch scheinen sich die Nachbarn auch weitgehend einig gewesen zu sein: beides anständige, unauffällige Männer. Der eine vielleicht ein bisschen verklemmtes Muttersöhnchen, der andere vielleicht ein bisschen strenger Patriarch; aber alles in allem gute Kerle. Und es wird wohl auch noch lange ein unerfüllter Menschheitstraum bleiben, dass Verbrechern das Böse ins Gesicht geschrieben steht.
Gibt es nationale Besonderheiten beim Thema sexuelle Gewalt gegen Kinder oder nur eine andere Aufmerksamkeit? Wohl kaum. Dennoch ist in der Öffentlichkeit offensichtlich der Eindruck entstanden, in Österreich werden Kinder gefangen gehalten und missbraucht, in Deutschland werden sie von ihren Eltern getötet und in Frankreich und Belgien blühen vor allem Kinderpornografie und -handel. Kriminologen sind sich nur in einem einig: Überall auf der Welt kommt es in abgeschiedenen Regionen seit jeher eher zu Missbrauch und Inzucht als in städtisch geprägten Gesellschaften.

Es reicht nicht, Nachbarn vorzuwerfen, sie hätten etwas merken müssen. Wer weiß denn schon, wie oft und wie viel seine Nachbarn einkaufen? Und hätten die Behörden merken müssen, dass der Strom- und Wasserverbrauch etwas über dem normalen Durchschnitt für die Anzahl der gemeldeten Personen lag? Es gibt sicher Unterschiede zwischen Achtung des Privatlebens und bloßer Gleichgültigkeit. Aber Josef Fritzl ist eine Person, der sich nicht in normale Denkmuster einordnen lässt. Die Österreicher rufen nun nach Gesetzen; doch neue Gesetze werden kaum neue Grausamkeiten verhindern. Wirkungsvoller ist vielleicht das Entsetzen, das der Skandal in Amstetten hervorgerufen hat. Eine der Lehren aus dieser Tragödie ist, dass eine Gesellschaft ohne wirkliche zwischenmenschliche Kommunikation keine Gemeinschaft ist.