


Denkmal in Not! Wenn die Deutsche Stiftung Denkmalschutz zu Spenden aufruft, ist es oftmals fünf vor zwölf, um ein Gebäude vor dem Verfall zu retten. Über 3000 Mal konnte in den vergangenen 25 Jahren geholfen werden. Im Magazin „Monumente“ wird regelmäßig über besondere Projekte berichtet, bei denen Not am Mann ist, die derzeit saniert werden und natürlich auch über solche, die in neuem Glanz erstrahlen. Oft sind es Kirchen und Schlösser, Fachwerkbauten, Klöster und Burgen, historische Wehranlage aber auch Viadukte, Mühlen, Parks und Gärten.
Es können aber auch Kleinodien wie ein Altar, eine Treppe oder eine Instrumentensammlung sein, die finanzielle Unterstützung benötigen und erhalten. Im aktuellen „Monumente“-Magazin ist die Titelgeschichte unter dem Motto „Unser Herz hängt an der Hanse“ der Backsteingotik gewidmet. Doch fällt der Blick im Inhaltsverzeichnis auch auf vertrautes Bild: das Pforzheimer Reuchlinhaus.
„Unser jüngstes ein kulturelles Erbe hat meist keine Lobby“ wird dazu festgestellt. Denn viele würden die Architektur der 1960er-Jahre als „Unansehnlich und eintönig“ empfinden. Daher, so heißt es weiter, wolle die Deutsche Stiftung Denkmalschutz „Beispiele vorstellen wie das Reuchlinhaus in Pforzheim, die zeigen, dass die Bauten jener Zeit einen zweiten Blick verdienen. Denn ihr ästhetischer Anspruch und innovativer Geist sind bis heute mustergültig“.
Pforzheim hat durch den Wiederaufbau nach der Zerstörung am 23. Februar 1945 einiges zu bieten, was beispielhaft für die Architektur der 50er- und 60er-Jahre ist. Aber vielen ist das immer noch oder weiterhin nicht bewusst – trotz immer wiederkehrender Anstrengungen, den Blick auf diese Bauten zu richten. So auch, wenn das städtische Kulturamt mit Veranstaltungen unterschiedlichster Art sich in diesem Herbst den 50er-Jahren widmen wird.
Es war ein langer und manchmal dornenreicher Weg, bis das Reuchlinhaus im Oktober 1961 eingeweiht werden konnte. Aber die Stadtväter mit Oberbürgermeister Johann Peter Brandenburg an der Spitze waren von Anfang an überzeugt, dass sie mit diesem Bau ein „neues Wahrzeichen und kulturelles Kleinod für die Goldstadt“ schaffen. „Das Haus ist eine Zierde für die Stadt“, würdigte der OB denn auch den Architekten Manfred Lehmbruck (Stuttgart, 1913–1992) und alle an der Planung und Fertigstellung Beteiligten.
Lehmbruck, Sohn des Bildhauers Wilhelm Lehmbruck (1881–1919), hatte im Jahr 1953 einen Wettbewerb für ein städtisches Kulturzentrum gewonnen, das ursprünglich oberhalb in den Park der Schloßkirche gestellt werden sollte, dann jedoch seinen Platz im Stadtgarten fand, wo früher der Saalbau stand.
Nach unzähligen Debatten im Gemeinderat war 1956 der Vorentwurf genehmigt worden, der Neubau wurde schließlich im Januar 1957 genehmigt. Im Oktober begannen die Bauarbeiten. Als erster Abschnitt wurde die Stadtbibliothek mit Stadtarchiv am 30. Dezember 1959 eröffnet, am 20. Oktober 1961 konnten auch Schmuckmuseum, Heimatmuseum, Ausstellungshalle, Vortragssaal und Nebenräume der Öffentlichkeit übergeben werden. All jene, die für einen neuen Saalbau gekämpft hatten, mussten vertröstet werden. Erst mit der Fertigstellung der Stadthalle (heute CongressCentrum) im Jahr 1987 hat es für diesen einen Ersatz gegeben.
Rund 3,1 Millionen Mark hatte seinerzeit der Bau des Reuchlinhauses gekostet, dazu kamen 400 000 Mark an Einrichtungskosten. Der Voranschlag war um fast eine dreiviertel Million Mark überschritten worden. Entstanden war ein vielfältig gegliederter Bau aus Beton, Glas und Naturstein, lichtdurchflutet, mit einer den Innenraum prägenden geschwungenen Treppe, der Kunst mit der umgebenden Natur verband.
Das Pforzheimer Reuchlinhaus, so das „Monumente“-Magazin, zählt zu den „individuellen Einzelbauten, deren ästhetischer Anspruch und innovativer Geist bis heute mustergültig sind“. Das Ensemble, ein zeitgenössischer Ausdruck des kulturellen Wiederaufbaus, sei in das Grün das Stadtparks komponiert worden. In seiner Formensprache und konstruktiven Logik erinnere das Reuchlinhaus an die Architektur Ludwig Mies van der Rohes. Der habe neben Walter Gropius und Richard Neutra sowie Le Corbusier Vorbildfunktion für die deutschen Architekten der Nachkriegszeit besessen.
Mit dem Reuchlinhaus und einigen weiteren Bauten wirbt die Deutsche Stiftung Denkmalschutz „für mehr Verantwortungsbewusstsein und Sensibilität im Umgang mit den Bauten der 1950er- und 1960er-Jahre, um unser jüngstes kulturelles Erbe für die Zukunft zu bewahren“. Dem hat die Stadt Pforzheim beim Reuchlinhaus bereits Rechnung getragen. In Sanierung und Erweiterung des Schmuckmuseums waren sieben Millionen Euro investiert worden – viermal so viel, wie das Reuchlinhaus einst gekostet hat.Thomas Frei
www.denkmalschutz.de.





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