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28.09.2009

"Der hat mir nichts zu sagen"

Liselotte war ein Krabbelkind, als ihr Vater ins Feld zog. Fünf Jahre blieb er fort. Trotzdem hat er sie sofort erkannt, obwohl sie auf dem Bahnhof nicht neben der Mutter stand. Er ist entzückt, eine so große Tochter zu haben. Und Liselotte ist nicht wegzubringen vom Vater. Sie läuft ihm nach wie ein Hündchen.

Am ersten Abend hat sie seine Hand überhaupt nicht losgelassen und den Eltern erklärt: „Heute Nacht schlafe ich bei Euch, damit ich alles höre, was Ihr schwätzt!“ Die Mutter ist glücklich, denn ein paar Häuser weiter wohnt auch eine Heimkehrerfamilie mit einer Tochter. Diese Kleine hat sich am ersten Abend nach ihres Vaters Heimkehr hinter der Mutter verkrochen und gefragt: „Mutter, wann geht der Mann wieder weg?“

„Alle haben einen Vater. Warum wir nicht?“ wurde Frau P. von ihren zwei Söhnen gefragt, als sie wieder einmal traurig mit ihnen unter dem Weihnachtsbaum saß. Als es nun heißt, Vati kommt heim nach fünf Jahren, herrscht unbeschreiblicher Jubel. Dann steht der ernste Mann vor seinen Jungen, und sie können vor Freude kaum sprechen. „Ich hatte es mir eigentlich anders vorgestellt!“ bekennt dieser Heimkehrer. „Ich hätte es nicht für möglich gehalten, daß meine Frau allein die Buben so tadellos erziehen könnte!“ Die Söhne, die zweieinhalb und vier Jahre waren, als der Vater sie verließ, sehen ihm jeden Wunsch von den Augen ab. „Das Schönste für sie ist, wenn mein Mann und ich ausgehen, und sie dürfen mit,“ erzählt Frau P. Dann sind sie ungeheuer stolz, vor aller Welt zeigen zu können, daß sie nun auch einen Pappi haben . . .“

Karl ist das einzige Kind des nach sechs Jahren heimkehrenden Schlossers G. Des Vaters Rückkehr war für ihn, der inzwischen ein großer Junge geworden ist, eine reichlich problematische Angelegenheit. Steif stand er da und wußte nicht, was er zur Begrüßung sagen sollte. Er betrachtet seinen Vater wie eine Art Onkel aus Amerika. „Der hat mir gar nichts zu sagen“ spricht aus seiner Haltung. Denn für Karl gibt's nur eine Autorität: die Mutter. Sie hat ihren Einzigen reichlich verwöhnt und diese Art Autorität gefällt ihm großartig. Schelte kennt er nicht. Vater möchte Karls Vertrauen gewinnen. Aber er ist Luft für den Jungen. Als Karl sich wieder einmal danebenbenimmt, ruft der Vater ihn zur Ordnung. Karl gibt eine pampige Antwort. Mutter sagt: „Sei lieb, gib Vater einen Versöhnungskuß.“ Karl dreht Vater den Rücken zu. Vater reißt der Geduldsfaden. Er zieht Karl zu dessen äußerster Überraschung die Hosen stramm und verabreicht ihm eine gehörige Abreibung. Worauf sich Karl in den Hühnerstall verzieht und die Mutter ersucht, ihm sein Bett dorthin zu bringen. Er will von jetzt ab im Stall residieren. Aber Mutter steht - Karl staunt abermals - auf Seite des Vaters. Karl entschließt sich, in den Schoß der Familie zurückzukehren. Der Bann ist gebrochen. Die Tracht Prügel hat Wunder gewirkt. Karl beginnt seinen Vater zu schätzen, zu bewundern, zu lieben. Und heute ist er bereits eifersüchtig auf ihn. Als die Mutter neulich den Arm um den Vater legte, kam er eiligst angelaufen und legte auch seinen Arm um Vater...

Rosemarie, die ungezogener ist als Ihre beiden Brüder zusammen, hatte man immer mit der Rückkehr des Vaters gedroht. „Warte nur, wenn er erst wieder da ist! Der wird Dir's zeigen!“ Jetzt hat sie Angst. „Was brauchen wir einen Vati!“ murrt sie, als sie von seiner bevorstehenden Rückkehr hört. „Wir sind das ganze Jahr ohne ihn ausgekommen! Und wenn er mich haut, soll er wieder fortgehen!“

Dann stehen sie auf dem Bahnhof, Mutti mit ihren drei Kindern. Langsam rollt der Zug ein. „Muttchen!“, schreit jemand aus einem Fenster. Großes Hallo. Aber der 14 Jährige Älteste ist furchtbar geniert. Bis ihm sein Vater männlich auf die Schulter klopft. Da taut er auf. Der Jüngere hat sich jäh hinter einer Tür versteckt. Vorsichtig schielt er um die Ecke, bevor er sich an Vater, den er fünf Jahre nicht gesehen hat, herantraut. Und Rosemarie, der Familienfrechling? Die Tränen schießen ihr in die Augen, als sie sieht, wie die Mutter vor Freude weint, und dann muß sie unbedingt auch einen Kuß von Vati haben.

Vati ist selig, wieder daheim zu sein. Am liebsten setzte er vorläufig keinen Fuß vor die Tür. „Früher hat ihm vieles nicht gepaßt!“ sagt seine Frau. „Glauben Sie mir, für viele Ehemänner war die Gefangenschaft eine heilsame Lehre! Mancher hat jetzt eingesehen, wie gut er's zu Hause gehabt hat. Auch mein Mann. Und nun quält ihn die Reue, wie er manches, was er mir früher angetan hat, wieder gutmachen soll. Aber ich sage ihm immer wieder: „Das alles ist vergessen." L.Z.