nach oben
22.05.2009

Die Bundesrepublik wird 60 Jahre alt

Vor wenigen Tagen erst haben vor allem die Älteren unter uns an das Kriegsende gedacht. Und heute feiern wir den 60. Geburtstag der Bundesrepublik. Viele Deutsche haben inzwischen ein nüchternes Verhältnis zu solchen Gedenktagen. Für mich ist das anders. Auch wenn ich die Befreiung von der Diktatur nicht selbst erlebt habe.

Wie sehr sich ein Volk verändern kann, wie verführbar Menschen sind, und wie ein menschenverachtendes Regime die Welt mit Krieg und Zerstörung überziehen kann, weiß ich überwiegend aus Geschichtsbüchern. Aber schon meine Eltern waren Zeugen jener schrecklichen Zeit, in der Menschen verschleppt wurden und nie mehr wiederkehrten, sie menschliche Tragödien und grausame Bombenangriffe ertragen mussten.

Vor diesem Hintergrund mutet es seltsam an, dass die Erinnerungen an diese Zeit oft nur noch Rituale sind. Dabei hat Deutschland kurz nach Kriegsende eine große Chance erhalten – und wir leben deshalb seit sechs Jahrzehnten in Frieden, in einer Demokratie. Dies und vor allem die zunehmende Wahlmüdigkeit geben Anlass, sich gelegentlich unserer Verantwortung dafür bewusst zu werden, dass es gerade die Freiheiten sind, die uns die Demokratie gewährt, ohne die unsere Gesellschaft nicht so stark und so erfolgreich wäre.
Wir sollten uns aber nicht nur in Zeiten von Unglück und Krisen, nicht nur bei Hochwasser oder anderen Katastrophen daran erinnern, was eine Gesellschaft erst menschlich macht. Unser Land lebt von den Entfaltungsmöglichkeiten und dem Einfallsreichtum seiner Bürger. Unser Land lebt aber auch von Solidarität und Mitgefühl, von spürbarer Nächstenliebe. Es ist schrecklich, wenn Menschen keine Arbeit finden, und es muss die wichtigste Aufgabe der Politik bleiben, die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Noch schlimmer aber ist es, wenn Menschen keinen Platz in der Gesellschaft finden.
Wir tragen Verantwortung füreinander, es gibt keine Gemeinschaft ohne Solidarität. Das hat auch der Amoklauf von Winnenden bewiesen. Solidarität ist mehr als das Bündnis der Starken mit den Schwachen. Solidarität heißt, dass jeder dem Land gibt, was er kann. Und es bedeutet, dass wir gelegentlich das Wohl der ganzen Gesellschaft über die eigenen Bedürfnisse stellen.
Der 23. Mai ist kein Feiertag im eigentlichen Sinn. Nüchtern betrachtet ist er nur unser Geburtstag und unterscheidet sich vom sonstigen Alltag lediglich dadurch, dass heute wie alle fünf Jahre seit 1949 der Bundespräsident neu gewählt wird. Gemessen an den Werten, um die es geht, wäre es kleinmütig, die Wahl dieses Kandidaten oder jener Kandidatin zu empfehlen. Das Amt des Bundespräsidenten eignet sich nicht für parteipolitische Ränkespiele – es geht um nichts weniger als das Staatsoberhaupt der bisher besten deutschen Republik.