





Warum, fragt Oberbürgermeister Wladimir Jakubowski – halb vorwurfsvoll, halb nachsichtig – hätten wir den Mai für unseren Besuch in Irkutsk gewählt? Weder Fisch noch Fleisch – kaum noch was zu sehen vom berühmten sibirischen Winter, auch wenn die Kälte hier in der Nähe des Baikalsees nicht ganz so grimmig ist wie weiter im Norden, wo es ab minus 50 Grad für die Kinder kältefrei gibt . . .
Oder im Sommer, wenn die Parks voll sind mit Familien, die grillen, Verliebten, die Händchen halten, spielenden Kinder, Flaneuren. Wenn saftiges Grün Einzug hält auf der „Insel der Jugend“, an den Ufern der Angara . . .
So etwas Sorgenvolles in der Art hatten wir schon von deutscher Seite gehört. Aber es ging eben nicht anders. Punkt. Doch was wir sahen, kombiniert mit einem gewissen Vorstellungsvermögen, auch wenn die Flora eben noch nicht ganz so weit war, ließ uns die Reize der Natur ebenso als geistiges Bild vor dem Auge erstellen wie die Bauten, die die Stadtverwaltung – das macht Baubürgermeister Jewgeni Haritonow unmissverständlich deutlich – mit Elan und Augenmaß vorantreiben will. Im Jahr 2011 feiert man das 350-jährige Bestehen der Stadt, die im 17. Jahrhundert als Kosaken-Fort gegründet wurde.
In 400 Metern über Meereshöhe liegt die ostsibirische Metropole mit über 600 000 Einwohnern am einzigen Abfluss des rund 60 Kilometer entfernten Baikalsees, der Angara. Irkutsk erhielt 1684 das Stadtrecht und wurde im Lauf der Zeit zum Drehkreuz für den Handel Sibiriens mit dem chinesischen Kaiserreich. Der Aufschwung bewirkte, dass die Stadt Anziehungspunkt für Künstler und Wissenschaftler wurde – aber auch Verbannungsort für zahlreiche Adelige, die 1825 erfolglos gegen Zar Nikolaus I. revoltiert hatten. Diese „Dekrabristen“ (im Englischen nach dem Revolte-Monat „Decembrists“ genannt) nahmen fortan großen Einfluss auf die Entwicklung Irkutsks.
Die größte Katastrophe für die Stadt war ein verheerender Brand im Jahr 1879, dem drei Viertel der Holzhäuser zum Opfer fiel. Zwölf Jahre sollte der Wiederaufbau dauern. Zahlreiche Kirchen und Museen – und seine Universitäten – bestimmen ebenso das Stadtbild wie Plattenbauten aus der Sowjetzeit. Nicht von ungefähr heißt ein Stadtteil, der weit mehr Einwohner zählt als ganz Pforzheim – rund 150 000 Einwohner – nach der ehemaligen „Bruderstadt“ aus der DDR, dem heutigen Chemnitz, nicht zu verwechseln mit der Karl-Marx-Straße, deren Namen ebenso Bestandsschutz genießt wie das eine oder andere Lenin-Denkmal.
„Das gehört zu unserer Geschichte“, sagt unsere Begleiterin Elena Kurilo. Warum also nicht? Es bleibt genug Platz für eine früher verpönte Figur wie den umstrittenen Armeeführer der zarentreuen „Weißen“ und Bolschewisten-Gegner Admiral Alexander Koltschak. Den hatten die „Roten“ im Jahr 1920 nicht weit vom Kloster zu Mariä Erscheinen standrechtlich erschossen und durch ein aufgehacktes Loch in die zugefrorene Angara geworfen. Oder für Zar Alexander III. Dessen bronzenes Ebenbild vor dem „Weißen Haus“, dem früheren Gouverneurs-Sitz (heute beherbergt es die Uni-Bibliothek) wurde von den Sowjets geschleift und 2004 in St. Petersburg nach alten Zeichnungen neu gegossen. Während seiner Regentschaft wurde die Stadt 1898 an die Transsibirische Eisenbahn angeschlossen.
Die Bausünden der Vergangenheit sollen nicht wiederholt, die prachtvollen Fassaden der Kaufmannshäuser renoviert und die Fantasie der Architekten bei Neubauten gezügelt werden. Paradebeispiele sind das „Europäische Haus“ mit prächtigen Holzschnitzereien und das Gebäude-Ensemble, das einer der größten Söhne der Stadt, Sukatschow, im 19. Jahrhundert anlegen ließ: Fünf von ehedem 17 Häusern des reichen (allerdings in völliger Armut gestorbenen) Kaufmanns stehen noch und wurden beziehungsweise werden mit großem Aufwand liebevoll restauriert.
Man ist stolz auf das, was einem die Geschichte übrig gelassen hat: Keine andere Stadt Russlands verfügt über ein derart großes Ensemble an Holzhäusern, die einen Blick in die Baugeschichte des Landes werfen lassen. 700 von ihnen, schätzen der Baubürgermeister Haritonow und Chef-Architekt Andrei Krassilnikow, sind als schützenswert eingestuft. 500 Millionen von insgesamt 4,5 Milliarden Rubel sollen pro Jahr in den Denkmalschutz fließen – das entspricht knapp 1,5 Millionen Euro. So wurde es im Generalentwicklungsplan im vergangenen Jahr festgeschrieben.
In Gedanken ist man schon im Jahr 2020. Bis dahin werden nach der Projektion der Stadtväter weitere sechs Millionen Quadratmeter bebaut, eine weitere Brücke über die Angara gespannt, Schulen, Kindergärten und Spielplätze sollen geschaffen, Verkehrsmittel und -wege aufgemöbelt werden. Kein Zweifel – das Gebiet ist nach den Worten von Konstantin Schawrin, Präsident der Industrie- und Handelskammer Ost-Sibirien, die nach dem Ural am weitesten entwickelte Russlands. Irkutsk, das „Tor des Ostens“, boomt. Die Mieten sind mit die höchsten im Land.
Wer auf der Staumauer, die die Angara in ihrem natürlich Abfluss vom Baikal stoppt, von einem Ufer zum anderen spaziert und in die Weite blickt, sieht zwar nicht bis zum Baikalsee, doch er bekommt einen Vorgeschmack auf das, was die Menschen von Alters her die „Perle Sibiriens“ genannt haben: den mit rund 25 Millionen Jahren ältesten und über 1600 Metern tiefsten See der Welt, 1996 von der Unesco zum Weltnaturerbe geadelt. 20 Prozent der Süßwasserreserven der Erde beträgt sein Fassungsvermögen. Über 650 Kilometer ist er lang, und an seiner breitesten Stelle misst er 80 Kilometer. Die Uferlänge erstreckt sich über mehr als 2000 Kilometer. 40 Meter tief sieht man hinab, so klar ist das Wasser. Mehrere hundert Pflanzen- und Tierarten sind endemisch – kommen also nur hier vor und sonst nirgendwo auf der Welt.
Er ist hart im Nehmen, aber der Mensch setzt ihm zu, besonders ein Zellulose-Kombinat, dessen Zukunft der neue Gouverneur des Gebiets Irkutsk sofort nach seinem Amtsantritt auf den Prüfstand gestellt wissen wollte. Jeder – ob eher wirtschaftspolitisch affine Organisationen wie die Industrie- und Handelskammer oder die Tourismus-Verantwortlichen – weiß, dass ein von Menschen zugrunde gerichteter Baikal ökologisch wie in Bezug auf den boomenden Fremdenverkehr eine Katastrophe wäre. Das hatte auch der damalige Präsident Wladimir Putin erkannt. Als eine Ölpipeline dicht am See entlang geführt werden sollte, kam es zu massiven, vorher nie gekannten Protesten der Bevölkerung. Per Federstrich – live im Fernsehen und im wahrsten Sinne des Wortes – ordnete Putin im April 2006 an, die Pipeline 40 Kilometer weiter landeinwärts zu verlegen. Man dankt es ihm noch heute.
Frauen wie Swetlana Michailowa leben von Touristen. Die 27-jährige Burjatin steht hinter ihrem Verkaufsstand auf dem Markt in Listwianka, dem wohl am meisten frequentierten Dorf am Südwestufer des Baikalsees. Noch halten sich auf der anderen Seite der Hauptstraße Teile des mächtigen Eispanzers, aber der Frühling kündigt sich mit Macht an. Michailowas Hände und die der anderen Marktfrauen sind nicht mehr so klamm wie im Winter, wenn der eisige Wind durch die Gassen zwischen den Ständen fegt und bei extremen Temperaturen nur die Härtesten ihre Souvenirs aus Holz, Birkenrinde oder Halbedelsteinen feilbieten. Oder geräucherten Omul, den Speisefisch Nummer eins am See.
„Wir sind so stolz auf den Baikal“, sagt Nina Papewa. Sie ist mit Mutter, Sohn, Schwiegertochter und Freunden aus den zwei Stunden entfernten Angarsk zum wiederholten Mal nach Listwianka gekommen, stemmt sich mit geröteten Wangen gegen den Wind und genießt die frische Luft. Touristen zweckentfremden die Motor- oder Kofferraumhauben ihrer Autos als Tablett fürs mitgebrachte Mittagessen. Hoch über den Klippen lassen Tische und Bänke erahnen, was hier im Sommer los sein wird.
„Wenn Du einmal am Baikal gewesen bist“, sagt eine junge Irkutskerin, „willst Du immer wiederkommen.“ Das sehen viele so.




Autor: Olaf Lorch





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