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20.01.2012

Die wahre Wahrheit – der Konflikt der Kriegsberichterstattung

„Das erste Opfer im Krieg ist die Wahrheit.“ Wenn man dieses Zitat von Hiram Johnson liest, kommt man erst einmal ins Grübeln. Was soll denn das heißen? Krieg ist Krieg und was hat die Wahrheit damit zu tun? Wie kann diese zum Opfer werden? Wenn man dann ein bisschen nachgedacht hat, kommt man aber zu einer Antwort. Johnson möchte damit sagen, dass die Berichterstattung zu diesem Thema leider oft nicht viel mit der Wahrheit zu tun hat. Es wird viel ausgelassen, übertrieben, manipuliert und falsch dargestellt. Um die eigentlichen Konflikte in den Krisengebieten geht es kaum. Aber stimmt das wirklich? Und warum könnte das so sein?

Zunächst sollte man bedenken, was für ein hohes Risiko die Kriegsberichterstattung für die Journalisten darstellt. Im Zeitraum von 1994 bis 2002, also in nur acht Jahren, sind von 538 Journalistinnen und Journalisten, die bei der Ausübung ihres Berufes gestorben sind, 254 in Krisengebieten umgekommen. Man geht davon aus, dass von diesen 254 gestorbenen 73% vorsätzlich getötet wurden. Nun stellt sich die Frage, was bewegt die Journalisten trotzdem dazu, in Kriegsgebiete zu reisen? Was bringt sie dazu, sich dieser Gefahr auszusetzen? Was bewegt sie dazu, im schlimmsten Fall ihr Leben aufs Spiel zu setzen? Das Erste, was den meisten Leuten dazu einfällt ist Ruhm und Ehre, Geld oder auch Abenteuerlust. Journalisten selbst beantworten diese Frage oft damit, dass sie den Schrecken und die Gewalt der Kriege zeigen wollen und dass es viel schlimmer ist, die Augen vor dem Leid zu verschließen, so äußert sich die Journalistin Carolin Emcke. Ich bin überzeugt davon, dass das stimmt, dass die meisten Journalisten durch das Reisen in Kriegsgebiete einfach ihrer Arbeit nachgehen wollen und die Grausamkeit des Krieges aufzeigen, und zwar genau so, wie sie ist. Leider scheint es auch einige Journalisten zu geben, die nicht unbedingt wegen der Aufdeckung der Wahrheit in Kriegsgebiete reisen.

Denn jeden Menschen, also auch jeden Zeitungsleser, Fernsehzuschauer oder Radiozuhörer, verfolgt eine gewisse Sensationsgier. Man will schlimme, abenteuerliche und erschreckende Geschichten mitbekommen. Man will Informationen, nur um sich kurz damit zu beschäftigen und sich selbst sagen zu können: „Wie gut ich es doch habe!“. Und genau von diesem normalen menschlichen Phänomen wissen die Journalisten. Um gut anzukommen müssen sie etwas schreiben, das die Leute lesen wollen, etwas, das diese Sensationsgier befriedigt. Deswegen wird oftmals nicht bei der Wahrheit geblieben, die Journalisten reisen zwar in die Krisengebiete und informieren sich, aber wer kommt schon bis an die Front? Ihre Informationen erhalten sie aus Erzählungen mehr oder weniger Betroffener. Also von Leuten, die Freunde, Verwandte, Bekannte (oder dergleichen mehr) von Kriegsopfern gewesen sind. Und auch das, was diese erzählen ist nicht immer die ganze Wahrheit. Nun ist es doch viel leichter, die Informationen etwas auszubauen, anstatt so lange nachzuforschen, bis alles geprüft und bestätigt ist. Doch gerade die Kriegsberichterstattung ist ein so wichtiges Thema, dass es eigentlich nötig wäre, die Wahrheit zu schreiben. Allein wegen der Betroffenen, die es verdient hätten, dass ihr Leid ohne irgendwelche hinzugefügten oder weggelassenen Fakten dargestellt wird. Natürlich ist die Position der Journalisten auch nachvollziehbar. Anstatt ihr Leben eklatant zu riskieren, schreiben sie lieber nicht die ganze Wahrheit.

Es gibt aber noch ein weiteres Problem. Es werden eigentlich nie beide an einem Krieg beteiligten Seiten dargestellt. Welcher Journalist hat denn schon einmal einen afghanischen Terroristen interviewt und dessen Meinung öffentlich gemacht. Das liegt daran, dass man einfach nicht an alle Seiten herankommt und nicht jeden nach seiner Meinung fragen kann. Erstens ist das wiederum zu gefährlich und zweitens wird es oftmals nicht zugelassen. Es zerstört das Weltbild der Leute, die die Berichte im Fernsehen, der Zeitung oder im Radio mitbekommen, denn diese haben meist ihre einheitliche Meinung von gut und böse. Und wenn dann ein Journalist zu einem Krieg, in dem die Guten und Bösen ganz klar festgelegt sind, beide Seiten objektiv darstellt, will das keiner lesen. Außerdem bestimmt auch das Land und dessen Kultur, was die Leute lesen wollen und vor allem, was sie lesen sollen. So kann man die amerikanische Berichterstattung von der deutschen unterscheiden, denn in Amerika ist die Berichterstattung oft nicht so differenziert und das Land will in vielen Fällen gar nicht, dass die Leute dort die ganze Wahrheit über den Krieg wissen. Dort kann ein Journalist nicht so leicht objektiv schreiben, was er will, wenn er seine Arbeit noch länger durchführen möchte.

So müssen wir Deutschen eigentlich noch sehr froh und zufrieden sein und uns anstrengen, uns unsere eigene Meinung unter Berücksichtigung aller Fakten zu bilden. Wir haben diese Möglichkeit, wir sollten bei allem, was wir lesen denken: „Kann das so stimmen oder sollte man nicht eigentlich mehr über beide Kriegsparteien wissen?“ Wir haben hier dieses Privileg der freien Meinungsbildung und Meinungsäußerung und sollten dieses unbedingt auch nutzen! Dies ist die Aufgabe, die jedem einzelnen Bürger gestellt ist, nicht einfach alles hinzunehmen und zu glauben, was man gesagt bekommt. Sondern nachzuforschen, zu hinterfragen und sich seine eigene unabhängige Meinung zu bilden. Ellinor Piwko