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Aus zwei mach eins: Aus dem Ölbronner Wappen mit dem Pflugrad und dem Dürrner Wappen mit dem Turm wird im Zuge der Gemeindereform ein einheitliches geschaffen. Das Eichenblatt symbolisiert den Eichelberg, an dem beide Orte Anteile haben. Foto: PZ-Fotomontage
Aus zwei mach eins: Aus dem Ölbronner Wappen mit dem Pflugrad und dem Dürrner Wappen mit dem Turm wird im Zuge der Gemeindereform ein einheitliches geschaffen. Das Eichenblatt symbolisiert den Eichelberg, an dem beide Orte Anteile haben. Foto: PZ-Fotomontage
10.02.2017

Dürrn und Ölbronn: Vom Feind zum Freund

Ölbronn-Dürrn. Baden oder Schwaben? Besonders im Enzkreis scheiden sich an dieser Frage die Geister, schlängelt sich die alte Landesgrenze doch mitten durch unsere Region. Doch wie wurde und wird heute diese Rivalität gerade in einer Gemeinde ausgetragen, in der es einen badischen und württembergischen Ortsteil gibt: zum Beispiel in Ölbronn-Dürrn? Und haben die Auseinandersetzungen tatsächlich ihren Ursprung in der jahrelangen Trennung?

Seit der Gemeindereform in den 1970er-Jahren werden das badische Dürrn und das württembergische Ölbronn gemeinsam verwaltet. Ein Zusammenschluss, um den lange gerungen wurde, gegen den sich beide Orte lange gewehrt haben. Brachten Begegnungen zwischen den Nachbardörfern doch früher nicht selten blutige Auswüchse hervor. Kreisarchivar Konstantin Huber hat in seiner neuen Dürrner Ortschronik, die in diesem Jahr erscheint, einige solcher Geschichten älterer Bürger zusammengetragen: Junge Burschen haben sich damals auf halber Strecke zwischen den heutigen Ortsteilen regelrechte Schlägereien geliefert. Ein Dürrner Bauer, der mit seinen Kühen durch Ölbronn in Richtung Kleinvillars musste, habe sich sehr beeilen müssen, um nicht verhauen zu werden. Ein Ölbronner, der mit einer Dürrnerin anbandelte, musste als Schutzgeld ein Fässchen Bier bezahlen.

Heute gibt es solche Gewaltausbrüche freilich nicht mehr. Jedoch geraten Ölbronner und Dürrner ab und an noch verbal aneinander. „Ein Öli sitzt nicht neben einem Dürrni“, soll es bei manchen Kindern noch im Schulbus heißen. Und Bürgermeister Norbert Holme konnte im Interview mit der PZ einmal von einer ähnlichen Geschichte erzählen – allerdings mit älteren Bürgern als Protagonisten. Beim alljährlichen Seniorenausflug hätten einige Dürrner im Ölbronner Bus mitfahren müssen. „Da war dann sofort wieder das Gefrotzel da. Spaß hatten letztlich alle an dem Tag, aber die kleinen Neckereien sind eben noch immer vorhanden“, so der Rathaus-Chef. Als Rivalen will Holme Ölbronner und Dürrner nicht bezeichnen. Der Bürgermeister beobachtet jedoch verschiedene Mentalitäten in beiden Dörfern und betont, dass die Unterschiede immer noch groß seien. „Die Trennung zieht sich wie ein roter Faden durch alle Lebensbereiche“, sagt er. In Ölbronn lese man beispielsweise die Ausgabe Mühlacker der „Pforzheimer Zeitung“, in Dürrn die Hauptausgabe. Die Kirchen seien in unterschiedlichen Landeskirchen und Diözesen verwurzelt, Dürrner Vereine im badischen Dachverband, Ölbronner im Württembergischen. Wahrscheinlich werden nirgends sonst Rivalitäten so offen gelebt, wie auf dem Fußballplatz. In der neuen Ortschronik berichten ältere Dürrner beim Derby gegen Ölbronn noch von häufigen Keilereien. Heute sieht das anders aus. Seit 2000 stehen die Spieler des TSV Ölbronn und des 1. FC Dürrn gemeinsam auf dem Feld. „Das läuft hervorragend“, sagt Dieter Klimpke von der Spielgemeinschaft (SG) Ölbronn-Dürrn. Der Vorstand der SG kommt aus Ölbronn, sein Stellvertreter aus Dürrn. Diese Saison werden die Heimspiele im Württembergischen ausgetragen und im Badischen trainiert. Nächste Saison sei es wieder umgekehrt. „Das ist eine Runde Geschichte“, so Klimpke: „Klingt nach übertriebener Harmonie, ist aber so.“ Immer sei das aber auch nicht so gewesen, erinnert sich der SG-Vorstand. Als die Fusionspläne im Januar 2000 auf den Tisch kamen, habe eine sehr negative Stimmung geherrscht. „Viele Altvordere haben sich gefragt, was das soll.“ Klimpke und andere Befürworter der SG seien gar als Fußballverräter beschimpft worden. Und trotzdem kam die gemeinsame Fußballabteilung. „Erstaunlicherweise waren die Mitglieder ab 60 Jahren für die Fusion und die Jüngeren dagegen“, so Klimpke. Für Holme liegt der Grund des damaligen Zusammenschlusses auf der Hand: Die Clubs hätten auf Dauer nicht länger eigenständig überleben können. Auch andere Vereine in den beiden Ortsteilen müssten sich irgendwann Gedanken über eine Fusion machen – etwa wegen mangelnden Nachwuchses. Ob das funktioniert? Kreisarchivar Huber bezweifelt, dass der Grund für die Rivalität zwischen Ölbronn und Dürrn in der unterschiedlichen landsmannschaftlichen Zugehörigkeit liegt. Schließlich habe sich das badische Dürrn vor der Gemeindereform eigentlich für einen Zusammenschluss mit dem ebenfalls württembergischen Ötisheim entschieden. Und Dürrner Kinder und Jugendliche hätten sich früher mit der Bauschlotter Jugend regelrechte Schlachten geliefert sowie einen „Kinderkrieg“ mit Kieselbronner Altersgenossen geführt – beides badische Gemeinden. Auseinandersetzungen zwischen Nachbarorten gebe es auch in rein badischen und württembergischen Gebieten, so Huber. Königsbach-Stein etwa habe lange Zeit gebraucht, um ein gemeinsames Wappen zu kreieren.

Politisch ist oft vom ländlichen Raum die Rede. Doch wie ländlich sind die Orte rings um Pforzheim heute noch – besonders im Vergleich zum dörflichen Alltag vor Jahrzehnten? Für die Serie „Stadt, Land, Dorf“ nimmt die „Pforzheimer Zeitung“ alle 14 Tage den tiefgreifenden Wandel unter die Lupe.