nach oben
Fußball-Experten unter sich: Bundestrainer Joachim Löw (links) und Teammanager Oliver Bierhoff (rechts) tauschen sich mit PZ-news-Redakteur Thomas Kurtz über EM-Geheimnisse aus. Und Kurtz serviert sie noch brandheiß auf PZ-news.
Fußball-Experten unter sich: Bundestrainer Joachim Löw (links) und Teammanager Oliver Bierhoff (rechts) tauschen sich mit PZ-news-Redakteur Thomas Kurtz über EM-Geheimnisse aus. Und Kurtz serviert sie noch brandheiß auf PZ-news. © Fotomontage: Dietz/dpa
30.06.2012

EM-Bankdrücker: Wo ist der ideale Sündenbock?

Das war vielleicht eine miese Stimmung beim Rückflug aus dem Osten Europas gen Westen. In der anderen Richtung vor ein paar Wochen zeigten die deutschen Fußballer noch gute Laune und Zuversicht. Bis zum letzten Turniertag der Euro 2012 wollte man bleiben und danach den Pokal mitnehmen. Jetzt mussten die Elitekicker und ihr Trainerguru mit leeren Händen aus dem Flugzeug steigen. Doch wer von ihnen ist der Schuldige an diesem Desaster?

Wo ist der Sündenbock? Auf wen darf man einprügeln, um den Frust herauszulassen?

Darf man einem Mario Gomez, der uns drei Tore und den Gruppensieg beschert hat, vorhalten, dass er das nächste Mal mit dem Rollator aufs Spielfeld traben soll, wenn ihm das hilft, sich etwas schneller zu bewegen? Darf man einem Bastian Schweinsteiger, der sich in all den wichtigen Qualifikationsspielen zuvor für das Team aufgerieben hat, anmaulen, weil der zwar große Töne spuckte, aber auf dem Platz immer völlig deplatziert gewirkt hat? Und wer will mit einem Mesut Özil, dessen Geniestreiche uns zur Euro 2012 geführt haben, schimpfen, bloß weil der immer schon nach fünf Minuten völlig fertig wirkte und sein Genie daheim in Spanien vergessen hatte?

Dass man Lukas Podolski als Hau-den-Lukas benützt, hat schon Tradition. Das vergessen die meisten aber ganz schnell, wenn er ein Tor macht. Vergessen hat man auch, dass Thomas Müller mal seinem Namensvetter Gerd alle Ehre gemacht hatte, nur weil er in Polen und in der Ukraine vergessen hatte, dass das Runde ins Eckige muss. Aber „vergessen“ scheint ohnehin das zentrale Wort für die Bewältigung dieser Fußball-EM zu sein.

Nicht vergessen sollte man auf der Suche nach dem Schuldigen und dem Sündenbock, dass Bundestrainer Joachim Löw vor dem Spiel noch als der große Heilsbringer geachtet wurde, als der Mann, der mit seinem Lächeln und seinen schicken Hemden den Deutschen den EM-Titel schenkt. Doch schon beim Nennen der Aufstellung fürs Italien-Halbfinale glänzte Löws Heiligenschein nur noch matt. Nach dem Spiel wurde es ohnehin so dunkel, dass man von der Lichtgestalt des deutschen Fußballs nichts mehr erkennen konnte.

Immerhin: Bis auf das Halbfinale glänzte Mats Hummels als der beste Abwehrspieler des Turniers. Da hat der Dortmunder eigentlich keine Prügel verdient. Der Beste aber war Sami Khedira. Souverän, stark, der Antreiber, der Spielmacher, der Kämpfer, der Vollstrecker. Ohne ihn hätten wir die Gruppenspiele vielleicht gar nicht überstanden.

Wer also ist dann der Schuldige? Mario Balotelli. Weil der das gemacht hat, was die deutschen Kicker im Halbfinale nicht geschafft haben: Tore in den wichtigen Spielen schießen. Das ist der Sündenbock. Nur: Auf den will man lieber nicht einprügeln, so wie das Kraftwerk seine gepflasterten Muskeln nach dem 2:0 im Flutlicht spielen ließ. Pures Dynamit. Bleibt dann am Ende doch bloß das Vergessen. Thomas Kurtz

Leserkommentare (0)