nach oben
20.01.2010

Ein Jahr Obama

Heute Abend vor einem Jahr war Fernsehen angesagt: Obamas Amtseinführung war ein globales Ereignis und nicht nur aufgrund der guten Show regelrecht überwältigend.

Was der neue Mann im Weißen Haus da sagte und wie er es sagte, das machte Hoffnung auf einen Neuanfang in vielerlei Hinsicht: Nach endloser Macht- und Realpolitik war da wieder einer mit einer Vision. Fast alles schien möglich – wenn wir alle an einem Strang ziehen. Nun, es kam anders: Manches, was möglich gewesen wäre – wie zum Beispiel ein Klimaabkommen –, wurde verhindert. Anderes wurde auf einmal unmöglich – wie die zeitige Schließung des Gefangenenlagers Guantánamo.

Hat Obama darum versagt? Waren seine Versprechungen nichts als gelungene Rhetorik – leere Worte also, gesagt in kühler Absicht, um die Menschen für sich zu gewinnen? Nein. Man darf noch immer an ihn glauben.

Wenn das vergangene Jahr eines gezeigt hat, dann das: Der mächtigste Mann der Welt ist auf Unterstützung angewiesen. Die Supermacht ist angekratzt, und wenn China nicht mitmacht, die EU-Staaten sich nicht aufraffen können, Russland gegensteuert und zu allem Überfluss auch noch die Republikaner im eigenen Land blockieren – dann kann auch ein Obama wenig ausrichten.

Deshalb ist die Rhetorik Teil seiner Strategie: Die anderen mitreißen, sie zu etwas bewegen, mit vernünftigen Worten eine Richtungsänderung bewirken – das hat vielleicht noch nicht überall zum schnellen Erfolg geführt, aber das trägt Früchte, die langsam wachsen. Oft sind sie ohnehin die einzige Chance, die wir haben. Oder wie sonst ist eine gemeinsame friedliche Zukunft von christlicher und islamischer Welt denkbar, wenn nicht durch beiderseitige Annäherung, um nur ein Beispiel zu nennen.

„Yes we can“! Die Betonung liegt auf „wir“. Obamas Politik kann gelingen – wenn die anderen mitmachen. Zu ihrem eigenen Nutzen: Die Alternative ist, zum alten Ost-West-Fronten-Denken zurückzukehren, zu einer Welt ohne Vision. Wollen wir das wirklich?