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13.03.2009

Erklärungssuche nach dem Amoklauf von Winnenden

Drei Tage nach dem Amoklauf von Winnenden hat bei allen, die nicht unmittelbar und persönlich betroffen sind, die Schockstarre nachgelassen. Eingesetzt haben alle erdenklichen Diskussionen – über mögliche Fehler und Pannen, über Lehren und Konsequenzen, über weitere sinnvolle, aber auch über unsinnige Sicherheitsmaßnahmen. Dass die Schlagzeilen aus Winnenden allmählich von anderen verdrängt werden, macht zudem in aller Härte klar: Das Leben geht weiter. Auch für die Überlebenden – wie auch immer.

In diesen Tagen hieß es oft: Nichts ist in Winnenden mehr wie vorher. Aber so stimmt das nicht. Manches wird schnell wieder sein wie zuvor. Etwa die normale Lebenswelt von Jugendlichen, aus der sie durch die Brutalität der Ereignisse nur kurz herausgerissen wurden. Und vielleicht birgt dies einen Teil der Erklärung für diese unfassbare Tat, nach der immer noch gesucht wird.
Denn es werden weiter Heranwachsende davon träumen, einmal herauszuragen aus der Masse und der Normalität, einmal im Licht zu stehen, einmal der Superstar zu sein; vor allem in jener schwierigen Altersphase, in der auch Tim K. war: In der nur scheinbar noch alles offen steht, aber schon vieles unerreichbar ist und der Druck eigener und fremder Erwartungen unerträglich zu werden scheint. Für einen Moment berühmt und bewundert zu sein – die Welt, in der wir leben vermittelt täglich, dass dies ein ausreichendes, ein legitimes Lebensziel sei.
Noch nie war es so einfach für eine Generation, sich in diesen Traum auch quasi hinein zu leben. Jugendliche sitzen stunden- und nächtelang am Computer und verwandeln sich dort in die Person, die sie gerne wären. Sie formulieren im virtuellen Raum Frustrationen, Wut und Ängste, die sie sonst niemandem offenbaren würden. Sie schlagen online als Helden oder brutale Kämpfer Schlachten. Und die allermeisten tun das unter den Augen ihrer Eltern, ohne sich jemals in auch nur potenzielle Amokläufer zu verwandeln.
Ist das heutzutage etwa normal? Man mag das bedauern, aber: Ja, das ist es wohl. „Genauer hinzusehen“ ist eine häufige Forderung in diesen Tagen. Fragt sich noch, ob das im Fall von Tim K. überhaupt unterblieb. Viele haben offenbar hingesehen, ohne etwas zu bemerken.
Tatsächlich ist die Möglichkeit, sich engeren persönlichen Kontakten und der damit verbundenen sozialen Kontrolle zu entziehen, ohne auffällig zu werden, eine neue Normalität in unserer Gesellschaft, mit deren möglichen Folgen für unser Zusammenleben wir noch nicht umzugehen gelernt haben. Was da im Verborgenen wachsen kann, macht der Fall Tim K. deutlich, ohne ihn erklären zu können. Denn was letztlich der Auslöser für den 17-Jährigen war, seine Normalität so furchtbar zu sprengen, hätte, wenn überhaupt, nur er selbst beantworten können.