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02.01.2010

Folge vom 02.01.10

Herzlich Willkommen im neuen Jahrzehnt. Und ja, ich weiß, mathematisch gesehen beginnt das neue Jahrzehnt erst 2011 und endet am 31. Dezember 2020. Aber ehrlich, derlei Klugscheißerei ist erstens weltfremd und zweitens albern.

Mögen sich Mathelehrer ereifern, böse Briefe schreiben, sich erhaben fühlen gegenüber all' jenen, die in ihrer Dummheit das Ende eines Jahrzehnts feiern, obwohl es noch ein volles Jahr dauert, mögen sie sich in ihrer Bildung suhlen, in ihrem Überlegenheitswahn, in ihrer Pedanterie und Spaßbremserei – ich freue mich aufs neue Jahrzehnt, das gestern begonnen hat. So!

Doch genug davon, tatsächlich wollte ich über etwas ganz anders schreiben. Nämlich über die jüngste, krachende Silvesternacht. Toni hatte nicht nur darauf bestanden, ein Fondue kredenzt zu bekommen, nein, sie wollte unbedingt Raketen in den Nachthimmel schießen. Davon halte ich ja nun gar nichts. Kostet viel, ist laut und sieht blöd aus. Aber bitte, wer's mag, soll ballern. Ich muss ja nicht mitmachen.

Muss ich eben doch. Toni wollte es so. Und kommen Sie jetzt bloß nicht auf die absurde Idee, ich hätte mit ihr reden können, ihr erklären, dass es doch viel sinnvoller sei, Brot für die Welt zu spenden oder Ähnliches. Denn erstens spenden wir sowieso und zweitens hätte das Toni nicht interessiert. Das hätte keine Elfjährige interessiert. Und deshalb war es auch undenkbar, Toni den Wunsch nach Böllern zu verwehren. Das wäre für alle Eltern undenkbar. Außer vielleicht für solche, die den Jahrzehntewechsel erst in 363 Tagen begehen.

Ich habe also zwei Sortimente voller bunter Raketen gekauft, und um kurz vor Mitternacht ist die gesamte Familie in den Garten marschiert. Mit Ausnahme von Luigi, den haben wir im Schlafzimmer eingesperrt, wo er auf der Fensterbank saß und interessiert das bunte Treiben beobachtet hat.

Samson jedoch musste mit raus. Das haben wir schon im Vorjahr so gemacht, als er noch ein Welpe war. So steht es in Hundebüchern, so sagen es Hundetrainer und so haben wir es gemacht. Das mag einigen brutal vorkommen, hatte aber Erfolg. Seither ist Samson ziemlich cool. Laute Geräusche stören ihn nicht, überraschende Knalleffekte lassen ihn nur müde gähnen. Mit einer Ausnahme: Wenn beim Spaziergang die Kirchenglocken läuten, jault er sie an.

Vorgestern saß er also nächtens da und sah verwundert zu, wie Toni zur ersten Rakete rannte, ein Streichholz hinhielt, zurückzuckte, zu mir kam und sagte: „Kannst du das machen? Ich habe Angst.“

Das war nun blöd. Schon in meiner Kindheit habe ich nicht gerne mit Feuer und Zündschnüren hantiert. Daran hat sich nichts geändert. Deswegen sagte ich, um von meinem eigenen Unbehagen abzulenken: „Aber Toni, das wirst du doch wohl selbst hinbekommen.“

Bekam sie nicht, ich musste ran. Männlich, stark, unerschrocken. Vorsichtig hob ich die Flamme an die kurze Schnur, zuckte zurück, hielt wieder hin, zuckte, hielt hin – bis plötzlich die Funken sprühten und die Schnur erschreckend schnell abbrannte.

Ich rannte davon, die Rakete schoss gen Himmel, Samson begann zu jaulen, den Blick noch oben gerichtet. Wahrscheinlich, weil in diesem Moment die Kirchenglocken zu läuten begannen. Vielleicht aber auch, weil er nicht länger mitansehen wollte, wie dämlich ich mich anstelle.