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04.10.2009

Folge vom 02.10.09

Wer sich einen Hund zulegt, macht sich vorher im Idealfall grundlegende Gedanken darüber, wie mit dem Tier umzugehen ist. Bei uns war das nicht anders. Als klar war, dass Samson bei uns einziehen wird, haben Aurélie und ich einen Kriterienkatalog entwickelt, nach dem wir zu handeln gedachten. Der erste Punkt in diesem Katalog ist einerseits der wichtigste, andererseits aber auch der umfassendste. Er lautet: Wir erziehen unseren Hund gut.

Nun sagt sich das jeder potenzielle Hundebesitzer, aber wir meinten es wirklich ernst. Und wahrhaftig lässt sich heute, da Samson gerade seinen ersten Geburtstag gefeiert hat (ohne Freunde, ohne Topfschlagen, ohne Torte mit Kerzen), sagen, dass das mit der Erziehung bislang ganz gut klappt. Machen wir also einen Haken dahinter.

Der zweite Punkt auf der Liste heißt: Der Hund schläft nicht im Bett.
Das war nicht einfach. Denn erstens war Samson als Welpe klein, knuddelig und so süß, dass es einem fast wie ein Verbrechen vorkam, ihn nicht in die weichen Decken zu lupfen, sondern ihn auf dem harten Boden neben dem Bett liegen zu lassen. Und zweitens springt Luigi, der Kater, mit größter Selbstverständlichkeit des Nachts auf unsere Schlafstätte. Trotzdem muss Samson draußen bleiben. Konsequent.
So weit, so gut. Nun aber zum dritten Punkt unseres Kriterienkatalogs:
Wir machen unseren Hund nicht zum Affen, indem wir ihn zum Hundefriseur schicken.

Hat alles prima geklappt. Bis wir kürzlich von einer Hundetrainerin vorgeführt bekamen, dass Samson ziemlich viele Haare hat. Lose Haare. Ausfallende Haare. Haare, die an einer guten Bürste hängen bleiben.
An unserer Bürste blieben sie leider nicht hängen. Bis die Hundetrainerin kam und sagte: „Der muss dringend zum Friseur. Die Unterwolle muss weg, denn demnächst wächst das neue Fell nach.“

Da sieht man mal, wie ungerecht die Welt ist. Samson hat ein Unterfell, ein Oberfell und wenn eins mal ausfällt, wächst das andere nach. Davon kann ich nur träumen.

Das nur nebenbei. Denn das Grundproblem war ein anderes: Wir mussten mit unserem Kriterienkatalog brechen. Samson würde einen Hundefriseur besuchen.

Als der große Tag kam, war ich nervös. Ich versuchte mich mit Arbeit abzulenken, während Aurélie unseren armen Hund in die Hände einer fremden Frau gab, die gedachte, sein Aussehen zu verändern.
„Keine Lockenwickler, kein Schleifchen im Haar, keine alberne Pudelfrisur“, hatte ich Aurélie mit auf den Weg gegeben.
Nach zweieinhalb Stunden rief sie mich an. „Es ist geschafft“, sagte sie.
„Warum hat das so lange gedauert?“, fragte ich. „Ist er zerschnippelt?“
„Nein. Aber du wirst ihn nicht wiedererkennen.“
„Er hat doch kein Schleifchen . . .“
„Nein, hat er nicht.“

Er hatte tatsächlich kein Schleifchen. Genau genommen hat die Hundefriseurin nichts gemacht, außer Samson gründlich zu kämmen und dabei kiloweise Fell ans Tageslicht zu befördern. Seither ist Samson nur noch halb so groß und halb so breit. Ein völlig neuer Hund. Rank und schlank.

Ich kann mein nicht vorhandenes Haar kämmen, so oft ich will. Ich werde weder rank noch schlank. Die Welt ist und bleibt eben ungerecht. Aber wenigstens darf ich im Bett schlafen.