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02.01.2009

Folge vom 03.01.09

Professionelle Zugfahrer lassen sich leicht erkennen. Wer nämlich täglich mit der Bahn unterwegs ist, zückt, kaum dass der kritische Vorgang des Platzsuchens und Hinsetzens erfolgreich bewältigt wurde, eine unterhaltende Lektüre, um sich die Zeit angemessen zu vertreiben. Auf Langstrecken stellen sich routinierte Fahrgäste gerne auch eine Thermoskanne heißen Tees bereit sowie ein paar in Butterbrotpapier eingepackte Wurststullen und zwei Mandarinen für die Vitaminzufuhr.

Hier jedoch soll es ausschließlich um Kurzstreckenprofifahrer gehen. Die benötigen weder Stulle noch Tee, in Ausnahmefällen vielleicht eine Mandarine. Unverzichtbar jedoch ist die Lektüre. Und die ist mannigfaltig. Einfache Gemüter wie ich lesen Bücher, Senioren lösen gerne Kreuzworträtsel, jene, die für intellektuell gehalten werden wollen, blättern im „Spiegel“, studierende Strebernaturen amüsieren sich mit Lehrbüchern. Amateure haben nichts dergleichen vorzuweisen, sie starren nach draußen, wo die winterliche Dunkelheit mit atemberaubender Langeweile an ihnen vorbeizieht.

Wie gesagt, ich lese Bücher und – Achtung, jetzt kommt ein Hammer-Wortspiel – genieße das in vollen Zügen. Manchmal jedoch misslingt mir der Griff ins Bücherregal und ich muss erkennen, dass das geschriebene Wort noch weniger Ablenkung bietet als die ins undurchdringliche Dunkel gebettete Landschaft. Das sind die Momente, in denen ich mich bevorzugt meinen Mitreisenden widme, und diese entweder beobachte oder mittels entwürdigender Verrenkungen versuche, herauszufinden, mit welchem Roman, Heft, Physikbuch meine Mitfahrer sich die Zeit bis zur Ankunft vertreiben.

Dabei geriet mir nun eine junge Dame ins Blickfeld, die behände eine Zeitschrift aus den Tiefen ihrer Handtasche kramte, sich zurücklehnte und fortan in irgendwelche höheren Sphären entschwebte, gefangen von der Macht des Wortes. Beneidenswert, dachte ich, und wollte wissen, welches Heft die Maid so in den Bann zog. Ein Reisemagazin vielleicht? Oder Bravo Girl? Oder Brigitte Young Miss? Oder . . . mehr für junge Frauen geeignete Titel fielen mir leider nicht ein, da ich weder eine junge Frau bin, noch irgendwann mal eine war, noch jemals eine sein werde.
Ich bog also möglichst unauffällig meinen Hals, um einen Blick auf die Titelseite zu erhaschen, doch leider, leider, blätterte die Dame hurtig um, und zwar so, dass die erste Seite hinter den umgeschlagenen Blättern verschwand, falls sie wissen, was ich meine.
Zunächst war ich enttäuscht, doch dann ging mir ein Licht auf. Oder, wie mein Kollege Kindlein sagen würde: „Jetzt wird's Daag.“ Denn die Umblätterei bewirkte, dass ich den Inhalt des Hefts schnell erfassen konnte: Er pries das Fernsehprogramm der kommenden Woche an.
Das war nun ganz neu. Dass jemand im Zug sitzt und das Fernsehprogramm aufs Genaueste untersucht, es unter die Lupe nimmt, ja, es mit strebsamem Eifer studiert. Völlig selbstvergessen glitten die Augen der Frau über die in strenges Zeitraster gepressten Zeilen. „18 Uhr: Verbotene Liebe“. „19 Uhr: Big Brother“. „19.40 Uhr: Gute Zeiten, schlechte Zeiten.“ Nichts konnte sie ablenken von ihrem Leseabenteuer.
Neidisch kramte ich wieder mein langweiliges Buch heraus. Aber es funktionierte einfach nicht. Ich bin eben doch ein Amateur.