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03.07.2009

Folge vom 04.07.09

Das Ehepaar B. ist sehr nett. Das ist durchaus bemerkenswert, denn längst nicht jedes Ehepaar ist nett. So manches ist verschlossen, unfreundlich, frech, übelriechend, laut, streitfreudig, unsensibel, schlagkräftig, tierhassend, kinderfeindlich, ungepflegt, prozesswütig, mundfaul, redselig oder einfach unsympathisch.

Die Bs. sind anders. Sie wohnen links neben uns und sie sind das, was man distinguiert nennt. Stets adrett gekleidet, stets gut frisiert, stets die Höflichkeit wahrend – und dennoch herzlich.

Frau und Herr B. sind beide jenseits der 80. Deshalb hatten wir bei unserem Einzug die Sorge, wir könnten zu laut sein.

Außerdem fürchteten wir, sie könnten sich von Luigi gestört fühlen, wenn der durch den Nachbargarten stromert und es sich auf der Terrasse der Bs bequem macht.

Aber nichts dergleichen. Toni ist eingeladen, sich die Schildkröten anzusehen, Luigi ist „ja so ein süßes Katerchen, wir freuen uns immer, wenn er bei uns ist“, und Samson „ist ein ungewöhnlich braver Hund, so etwas haben wir noch nie erlebt“.

Die Bs mögen uns also. So sehr, dass kürzlich eine Einladung ins Haus flatterte. Aurélie, so hieß es da, sei herzlich willkommen, sich anlässlich eines Damennachmittags bei Frau B. zu vergnügen.

„Ich bin bei einem Damennachmittag eingeladen“, wurde Aurélie seither nicht mehr müde zu erwähnen. „Bei einem echten Damennachmittag.“
Ich war nicht eingeladen, aber ich bin ja auch keine Dame. Außerdem musste ich arbeiten, Aurélie nicht. „Was soll ich da anziehen? Was bringe ich mit? Werde ich mich blamieren?“, fragte sie.

„Irgendwas! Keine Ahnung! Vermutlich schon!“, gab ich kompetent zu allen drei Fragen Auskunft. Aurélies Nervosität konnte ich damit allerdings nicht lindern.
Gestern nun war es soweit, der Damennachmittag stand an, und Aurélie war dabei. Mit züchtigem Rock, bunten Blümchen und einem ganzen Sack voll eloquenter Wortwendungen im Hinterkopf, die sie bei Bedarf abzurufen gedachte.

Als ich heimkam, fragte ich nicht ohne einen Hauch von Häme: „Und, wie war dein Damennachmittag?“
Sie strahlte. „Sehr nett. Völlig entspannt.“ Dann erzählte sie. Insgesamt seien fünf Nachbarinnen zu Gast gewesen, drei davon längst im Rentenalter, dazu Lisa von gegenüber und eben Aurélie, die beiden Küken in der Runde.

Ich freute mich auf Klatsch und Tratsch aus erster Hand, schließlich bekommen ältere Damen alles mit. Wollte wissen, welcher Nachbar wen mit welcher Nachbarin betrügt, wer gegeneinander prozessiert, wer einst befreundet und heute verfeindet ist. Hach, ich liebe solche gesellschaftsrelevanten Fragen.

„Also, wer treibt‘s mit wem?“, fragte ich. Aurélie sah mich verständnislos an. „Keine Ahnung. Darüber haben wir nicht gesprochen.“
„Was seid denn ihr für komische Damen?“
„Wir sind nicht komisch. Wir haben über das Seniorenstift gesprochen. Dort soll es total nett sein. Alle haben geschwärmt. Ich will auch ins Seniorenstift.“
„Aha. Mit 37. Ins Seniorenstift. Sonst geht's aber noch?“
„Ja. Dort ist immer Damennachmittag.“
Ich glaube, es wird höchste Zeit für einen Herrenabend. Mit Herrn B., mir und den anderen Senioren.