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04.12.2009

Folge vom 04.12.09

Toni spinnt. Das ist ein hartes Urteil, aber berechtigt, wie im Folgenden auszuführen ist. Für eine umfassende Aufklärung der Toni-spinnt-Affäre ist es nötig, einige Fakten zu Rate zu ziehen. Hier sind sie: Antonia, genannt Toni, elfeinhalb Jahre alt, war bis vor kurzem ein ganz normales Kind in der Vorpubertät. Mal lachte sie sich aus unerfindlichen Gründen scheckig, mal weinte sie plötzlich, mal war sie aus heiterem Himmel übellaunig. Auch sonst: ganz normal.

In ihrem Zimmer hängen Tierposter, sie liest Abenteuergeschichten für Kinder, Schmachtromane für Teenagermädchen, Klappentexte von Erwachsenenbüchern. Sie übt widerwillig Klavier, lernt nur unter Druck und mit mittelprächtigem Erfolg für die Schule, sie liebt Hund und Katz', sie ist morgens müde und abends nicht, sie fordert Aufmerksamkeit und ihre Ruhe, sie ist altklug und stellt sich dumm. Normal.
Aber jetzt spinnt sie.

Nicht in dem Sinn, in dem alle Menschen, speziell Kinder, speziell Mädchen mal spinnen. Also mit unmotiviertem Zickengehabe, Heulsusenattacken und Ich-will-aber-eine-Prinzessin-auf-der-Erbse-sein-Gehabe. Das ist keine Spinnerei, sondern normal. Nein, um zu wissen, warum Toni spinnt, ist ein Blick auf ihren Weihnachtswunschzettel unerlässlich.
Ich hatte sie gebeten, einen Weihnachtswunschzettel zu schreiben, schließlich hat das Kind jede Menge Verwandtschaft, die wissen will, womit die Kleine zu erfreuen ist.

Und so überreichte sie mir vorgestern ein zerfressenes Stück Papier mit den Worten: „Hier, mein Wunschzettel. Ich habe eine Legende dazu gemacht.“ Keine Ahnung, woher es den Begriff Legende hat, das altkluge Gör. Aber er war passend, denn Toni hatte zu jedem Wunsch ein Zeichen gemalt. Eines der Zeichen bedeutete: „Haben wollen.“ Das andere: „Haben wollen ganz arg.“ Neben den Legenden standen die Wünsche: MP3-Player (ganz arg), Bücher (ganz arg), Füller (haben), CDs (haben), ein Mäppchen (haben), Nintendo-Spiele (haben). Alles okay. Nachvollziehbare Wünsche. Kein Grund zu der Annahme, dass Toni spinnt.

Wenn da dieser eine Wunsch nicht wäre, der noch auf der Agenda stand: Schreibmaschine (ganz arg). Schreibmaschine? SCHREIBMASCHINE!!! Was will das Kind mit einer Schreibmaschine? Und sage jetzt keiner: schreiben. Toni hat einen Computer, sie hat Internetanschluss, sie hat einen Flachbildmonitor. Sie hat alles. Sie braucht keine Schreibmaschine, die nur im Weg steht und die auf dem nächsten Sperrmüll landet. Kein Kind will heutzutage eine Schreibmaschine. Keins!

„Es gibt keine Schreibmaschine“, habe ich zu ihr gesagt. Natürlich flossen sofort vorpubertäre Tränen. Und zu allem Überfluss mischte sich auch noch Aurélie ein: „Deine Mutter hat erzählt, du hast als Kind mal eine kaputte Schreibmaschine vom Sperrmüll mit nach Hause gebracht, die dann nur herumstand. Und das, obwohl ihr eine funktionierende Maschine hattet. Was ist denn damit?“
„Das“, sagte ich, „ist ja wohl was ganz anderes.“
„Ist es nicht.“
„Doch.“
„Nein.“
„Du spinnst doch.“
Ist es nicht schön, dass Toni und ich so viel gemeinsam haben.