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05.07.2008

Folge vom 05.07.08

Joachim Löw, Bundestrainer, gilt neuerdings als Stil-Ikone, als Vorbild für die Männerwelt, als ein Typ, der neben dem Platz alles richtig macht. Also als einer, der seinen selbstverständlich gut trainierten Körper mit der notwendigen Eleganz einzuhüllen weiß. Schwarze Hosen, weiße, taillierte, eng anliegende Hemden – da freut sich die Damenwelt, da jauchzt das Herz der schwulen Herrenriege.

Überhaupt, der Mann im Wandel der Zeit, die Entwicklung vom ästhetischen Schimpansen hin zum eleganten Löw, lässt sich am besten auf den Fußballtrainerbänken dieser Welt ablesen. Wo früher Kettenraucher im engen Trainingsanzug heiser Anweisungen aufs Feld schrien, sitzen heute Nikotinkaugummi kauende Dandies, gehüllt in edlen Zwirn, feines Tuch und mit dem Habitus des Bankdirektors.

Altvordere wie Otto Rehhagel, die sich um adrettes Äußeres einen feuchten Kehricht scheren, sind nur noch Überbleibsel aus vergangenen Tagen. Eine Art Zeitzeugen für Kinder. „Guck mal“, sagen die Mütter. „Das ist der Rehhagel. So sahen Trainer früher aus.“ Die meisten Kinder brechen an dieser Stelle in Tränen aus.

Ich hingegen breche in Tränen aus, wenn ich Joachim Löw ansehe. Der hat nämlich, was ich nicht habe: Volles Haar und keinen Bauch. Früher konnte ich solchen Schönlingen ausweichen, weil sie nur in Gesundheitsmagazinen auftauchten, in denen waschbrettbebauchte Typen Hanteln stemmen, sich in knappen Badehöschen räkeln und sonstig' possierlich Ding treiben, die den Durchschnittsmann – also mich – zur Verzweiflung bringen. Solche Zeitschriften habe ich einfach nicht gekauft, und alles war gut.

Auf Fußball jedoch möchte ich nicht verzichten, auf Länderspiele erst recht nicht und auf Welt- und Europameisterschaften gleich zweimal nicht. Und weil das so ist, wird mir ständig das Männervorbild Löw vor Augen gehalten. Die Damen in der Redaktion quietschen, wenn sie nur den Namen hören, und sagen Dinge wie: „Der Jogi, der ist schon ein Schnuckel.“

Und meine Angetraute, die sich kein bisschen für Fußball interessiert, schnalzt neuerdings regelmäßig mit der Zunge, wenn Deutschland spielt und sie den Jogi samt tailliertem Hemd erblickt: „Der sieht schon nicht schlecht aus“, sagt sie dann mit glänzenden Augen.

Ich trage – mangels Taille – keine taillierten Hemden, alles muss möglichst luftig sein, um meinem voluminösen Körper den benötigten Freiraum zu gönnen. Das ist so, das bleibt so, damit kann ich leben. Ich muss keine Stil-Ikone sein, ich brauch' das nicht, wirklich nicht. Mir doch egal.

Was ich allerdings auch nicht brauche, ist, dass die Luftigkeit an meiner Kleidung überhand nimmt. So wie vorgestern, als ich an mir heruntersah und mit Schrecken feststellte, dass ein Stück behaarten Beines aus meiner Jeans hervorblitzte. An der Innenseite der Hose war eine Naht gerissen, ein großes Loch gewährte Einblicke, die ich nicht gewähren lassen wollte.

Den Rest des Tages saß ich reichlich verkrampft da, die Beine stets übereinander geschlagen. Glücklicherweise hat keiner der Kollegen etwas gemerkt. Sie hätten bestimmt gelästert.

Wenn Löw die Hose reißt, lästert keiner. Da lechzen alle. Denn Joachim Löw ist ein Sex-Objekt.

Armer Kerl.