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04.09.2009

Folge vom 05.09.09

Manchmal kommt alles zusammen. Das Essen brennt an, im Fernsehen kommt nur Mist, die Ehefrau hat schlechte Laune. Das sind Grenzsituationen im Leben eines Mannes. Da braucht es Stärke, Kraft, Mut. Da muss das Essen in den Abfall geworfen, der Fernseher ausgestellt, die Ehefrau mit Komplimenten überschüttet werden. Sonst kann so ein Tag, an dem alles zusammenkommt, böse enden.

Ja, es gibt nicht viel, was schlimmer ist, als ein Tag, an dem alles zusammenkommt. Außer: Ein Jahr, in dem alles zusammenkommt. So wie bei mir.

Das Kind ist in der Pubertät, der Hund ist in der Pubertät, der Kater ist in der Pubertät. Wenigstens ist die Ehefrau aus dem Gröbsten raus.
Zur Ehrenrettung Luigis, also des Katers, muss gesagt werden, dass er sich bereits in der postpubertären Phase befindet. Meistens ist er ganz vernünftig. Gut, manchmal kommt er erst mitten in der Nacht nach Hause, ohne uns vorher zu informieren. Aber ansonsten macht er uns wenig Kummer.

Anders der Hund und das Kind.

Das Kind, Toni, ist elf Jahre alt. Ich habe ihr erklärt, dass es Unsinn ist, mit elf Jahren zu pubertieren. Sie sei zu jung und solle sich den Quatsch aufheben bis sie mindestens 14 ist.

Ha! So was lässt sich Toni nicht bieten. Mit wichtiger Miene begann sie zu dozieren: „Im Biologie-Unterricht haben wir gelernt, dass bei Mädchen die Pubertät oft schon mit elf Jahren beginnt. Ich bin also voll im Plan.“
Der Plan sieht so aus, dass Toni samstags und sonntags nicht vor 10.30 Uhr aufsteht, dann erstmal schlechte Laune hat, nicht zum Bäcker will, nicht mit dem Hund raus will, nicht den Frühstückstisch decken will. Und wenn man mit ihr diskutiert, ihr sagt, dass sie gerade sitzen und den Ellbogen vom Tisch nehmen soll, wenn man sie bittet, doch mal zu lächeln und gute Laune zu haben, dann sagt sie Dinge wie: „Mama, du lässt mich gar nicht pubertieren.“

Und wenn die Mama und ich dann lachen müssen, ist sie beleidigt: „Ihr nehmt mich überhaupt nicht ernst. Ihr seid gemein.“ Im Zweifelsfall folgen dann Tränen der Wut.

Das wäre alles nicht so schlimm. Aber es kommt im Moment halt alles zusammen. Denn Samson, unser Hund, pubertiert auch. Und das ist kein Spaß. Er gehorcht nur, wenn er Lust dazu hat. Andere Rüden beäugt er zunächst misstrauisch, um sie dann zu verbellen. Wenn er angegriffen wird, legt er sich nicht mehr demütig auf den Rücken, sondern rastet aus. Er ist eben, anders als Luigi, kein Pazifist. Vielmehr hat er die Lust am Raufen entdeckt. Halbstarker Bengel.
Wenigstens ist bei Samson der Pubertätsspaß in gut einem Jahr vorbei.
Bei Toni nicht.

Deshalb ist es umso schlimmer, dass das Kind sich jetzt schon abkapselt. „Du bleibst immer bei mir, oder?“, hat Aurélie neulich zu ihr gesagt.
„Nö!“, hat Toni geantwortet.
„Warum nicht? Bei mir hast du es gut. Ich möchte, dass du nie ausziehst.“
„Pfff. Doch. Ich mache ein Praktikum in Neuseeland und dann wandere ich dorthin aus.“
„Warum Neuseeland?“
„So halt. Ich will was erleben. Und nicht als junge Witwe sterben.“
Sie meinte natürlich, dass sie nicht als alte Jungfer sterben will. Das haben wir ihr auch erklärt. Da hat Toni sich gekringelt vor Lachen. So wie früher. Als sie noch ein Kind war.