nach oben
06.03.2009

Folge vom 06.03.09

Nur selten zweifle ich daran, dass unser Hund Samson hochintelligent ist. Vielleicht, wenn ein Leckerli 50 Zentimeter vor seiner Nase liegt, ich mit freudig erregter, hochgeschraubter Stimme rufe: „Suchsuchsuchsuchsuch!“ und er mich anstatt zu suchen nur mit einem Blick ansieht, den Böses unterstellende Menschen unter Umständen als treudoof (manche würden sogar den Wortteil „treu“ weglassen) bezeichnen könnten.

Es ist aber auch möglich, dass Samson mich aufmerksam ansieht, wissbegierig, gespannt darauf, Neues zu lernen, anstatt sich den Magen stumpfsinnig mit einem kleinen Bollen Trockenfutter vollzustopfen. Wobei ich gestehe, dass Letzteres eine eher gewagte These ist, angesichts der Verfressenheit unseres sich im Wachstum befindlichen Vierbeiners. Üblicherweise nimmt er alles zwischen die Zähne, was ihm vor die sabbernde Schnauze kommt. Und die Hälfte davon schluckt er sofort gierig, bevorzugt den duftenden Kot anderer Caniden oder vertrocknete Pferdeäpfel. Irgendwie sind Hunde schon eklig.

Aber wie gesagt, ich habe nur selten Zweifel an Samsons Überbegabung. Gäbe es eine Lehranstalt für hochtalentierte Hunde, dann wäre Samson dort ein gern gesehener Schüler. Nun mögen Sie einwenden, dass ich unter dem Vatersyndrom leide, unter jener Fehlsichtigkeit von Papas, die ihre lieben Kleinen für die schönsten, besten und intelligentesten Wesen auf der ganzen Welt halten. Und das selbst dann, wenn die Sprösslinge in einer Nachmittagstalkshow aufgetreten sind und dort peinlich Pate standen für das ganze Elend der Menschheit.

Aber weit gefehlt, schließlich bin ich nicht Samsons Papa, sondern nur das Herrchen. Wobei ich bei aller mir eigenen Bescheidenheit mich doch zuzugeben gezwungen sehe, dass der kleine Racker einige seiner überragenden Wesenszüge von mir haben muss: Sportlichkeit. Genussfähigkeit. Außergewöhnliche Intelligenz.

Reden wir also über Samsons Intelligenz: Wir waren in der Welpenspielstunde der Hundeschule. Dort bellte Samson sämtliche Artgenossen an, die nicht mit ihm spielen wollten. Also alle. Waren ihm nicht gewachsen, die Tölen. Zu klein, zu schwach, zu dumm. Samson war genervt, ich konnte das gut verstehen.

Nach der Spielerei absolvierten wir ein paar Übungen. Kinderkram. Samson konnte alles, die anderen nichts. Samson war unter-, die anderen überfordert. Mein armer Hund langweilte sich sogar. Er tat mir leid.

Dem Hundetrainer auch. Noch während der zweiten Welpenspielstunde kam Jörg, unser Coach, zu uns und sagte: „Ihr kommt nächste Woche in die Junghundegruppe, Samson ist den anderen ja drei Schritte voraus.“ Ihm war es also auch aufgefallen.

In der Junghundegruppe ist Samson nun das Küken, aber natürlich stellt er die anderen immer noch in den Schatten. Meiner Ansicht nach müsste er bald die Mittelalthundegruppe besuchen, aber ich fürchte, die gibt es nicht. Leider haben es hochintelligente Hunde in unserer Gesellschaft sehr schwer. Sie werden nicht gefördert, nicht gefordert und oft ausgegrenzt. Es ist eine Schande.

Aber gut, wir werden uns wehren. Samson wird dank meiner Förderung Karriere machen. Vielleicht wird er Porsche-Vorstandschef. Oder Tennisstar. Oder ein weltberühmter Pianist. Oder Bundeskanzler. Mindestens aber bringe ich ihm bei, seine Leckerli zu suchen.
Und wenn er das kann, arbeiten wir daran, dass er sie auch findet.