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05.03.2010

Folge vom 06.03.10

Es kommt vor, dass Luigi weder Lust hat, draußen vor der Tür mit Mäusen zu spielen, noch, sich von uns streicheln zu lassen. Momente, in denen der kleine Kater einfach seine Ruhe will.

In diesen Momenten zieht er sich zurück. Auf den Schreibtischstuhl, in Aurélies Ankleidezimmer oder neuerdings in den Keller. Dort fläzt er sich auf einem gemütlichen Sessel, zieht mit seinen Krallen ein paar Fäden raus und macht es sich dann so richtig bequem.

Wir finden das nicht richtig. Vielmehr sind Aurélie und ich der Meinung, dass Luigi uns täglich seine Dankbarkeit beweisen sollte, indem er um unsere Beine streicht, uns mit seiner schnurrenden Anwesenheit erfreut und unseren bedürftigen Händen erlaubt, sein weiches Fell streicheln zu dürfen. Schließlich haben wir ihn aus dem Tierheim geholt, geben ihm leckeres Fressen und haben dafür gesorgt, dass er in Samson einen Freund fürs Leben gefunden hat. Und was macht das undankbare Vieh? Verschwindet einfach im Keller.

Manchmal ist er besonders unverschämt. Dann linst er durch die Katzenklappe, klappert ins Wohnzimmer, maunzt uns an, weil er Hunger hat, vertilgt das von uns eiligst bereitgestellte Futter, geht zu Samson, dreht dem eine lange Nase, weil er, Luigi, sein Fressen bekommen hat, Samson dagegen noch darben muss, dreht sich dann um und verschwindet wieder durch die Katzenklappe, um im Keller ein kleines Nickerchen zu halten.

„Das kann ich nicht dulden“, sagte ich, als der Kater sich vor einigen Tagen mal wieder derart respektlos verhielt. „Ich hole den Kerl jetzt hoch, er soll mit Samson spielen, damit wir beim Zugucken Spaß haben.“
Und so geschah es. Arglos stapfte ich die Stufen hinab, bog rechts um die Ecke und vor der Waschküche links ab in jenen Raum, in dem Tischkicker, Dartscheibe und Luigis Zweitwohnung untergebracht sind. Wie zu erwarten, lag er auf dem Stuhl, sah mich ungnädig an, weil er sich gestört fühlte, und fuhr dann wie selbstverständlich fort, seiner eben begonnenen Fellpflege nachzugehen, indem er sich hingebungsvoll ableckte.

„So, du kommst jetzt mit nach oben“, sagte ich und wollte gerade nach ihm greifen, als mein Blick auf den Boden fiel. Dort lag ein totes Tier.
„Oh“, dachte ich noch, „die Maus ist aber groß.“

Im nächsten Moment raste ich die Treppe hoch, leichenblass, mit rasendem Puls und dem heftigen Drang, mich sofort zu übergeben.
„Aurélie“, stammelte ich, „im Keller liegt eine Ratte.“

Uuuuh, mich schüttelt es schon, wenn ich nur dieses Wort schreibe. Die Nager sind für mich das, was für andere Schlangen oder Spinnen sind. Ich habe totale Panik, ja, vielleicht erfülle ich sogar die hohen Anforderungen an eine Phobie. Wer mich kennt, weiß, dass das böse R-Wort in meiner Gegenwart nicht in den Mund zu nehmen ist. Woher meine Angst und mein Ekel rühren, kann ich nicht sagen. Ist mir auch egal. Sie sind halt da.

Das R-Wort-Tier war leider auch da. Aurélie musste es entsorgen, mir fehlte die Kraft. Den Rest des Abends stolzierte Luigi mit kaum verholener Arroganz vor uns auf und ab. Er kam sich wahnsinnig toll vor. Ein erfolgreicher R-Wort-Tier-Jäger.

Vielleicht war er auch nur zufrieden, wie geschickt er das eingefädelt hat. Denn seither weigere ich mich, den Keller zu betreten. Und Luigi hat seine Ruhe.