nach oben
08.06.2009

Folge vom 06.06.09

Zebrafinkenmännchen müsste man sein, dann wäre das Leben leichter. Denn erstens könnte man bei Bedarf einfach davonflattern, hoch in die Lüfte steigen, die Welt von oben betrachten, ohne Gefahr zu laufen, in Hundekacke zu treten, überfahren zu werden oder groteske Wahlplakate betrachten zu müssen.

Und zweitens lernte man als Zebrafinkenmännchen das Singen auch ohne Vorbilder. Da braucht es keinen prolligen Bohlen, keinen affigen Musiklehrer und schon gar keine trällernden Eltern – nein, den Zebrafinkenmännchen liegt die Singerei im Blut. Das jedenfalls haben Wissenschaftler bei Versuchen herausgefunden. Dieses Phänomen könnte ich nun noch ausführlicher darlegen, aber leider steht zu befürchten, dass Ihr Interesse an der Sangeskunst des gemeinen Zebrafinkenmännchens bestenfalls rudimentärer Natur ist. Vergleichbar höchstens mit Ihrem Interesse an der Nachricht, dass Zucht-Kanarienvögel mit einer tieferen Stimme singen als ihre in freier Wildbahn lebenden Artgenossen.

Nun bin ich weder ein Zucht- noch ein sonstiger Kanarienvogel – und eben auch kein Zebrafinkenmännchen, was aus erwähnten Gründen tatsächlich zu bedauern ist. Es stünde mir nämlich gut zu Gesicht, wenn ich in der Lage wäre, auch ohne Vorbilder des Singens mächtig zu sein.
Dass ich das nicht bin, habe ich ein Leben lang mit Fassung getragen. Wenn es galt, mit inbrünstiger Wollust die Stimme zu erheben (Nationalhymne bei Länderspielen, Volkslieder am Wandertag, Schmähgesänge im Stadion), bewegte ich meinen Mund in bester Playback-Manier, ohne einen Laut über meine Lippen kommen zu lassen. Schließlich ist es mir hinlänglich bekannt, dass jeder Katzenjammer einer Sinfonie gleichkommt, verglichen mit meinen Versuchen, ein fröhliches Liedchen zum Besten zu geben.

Doch nun ist alles anders. Toni ist seit ihrem Geburtstag glückliche Besitzerin einer Playstation 2 samt Singstar-Programm. Das ist so eine Art Karaoke fürs Eigenheim. Konsole an den Fernseher anschließen, Mikrofone einstöpseln, Spiel installieren, singen. Weil Tonis Englisch noch nicht ausreicht, hat sie nur deutsche Lieder bekommen. Deutsch-Rock und Schlager.

Dort finden sich solche Diamanten wie „Der Junge mit der Mundharmonika“ (Bernd Clüver), „Tränen lügen nicht“ (Michael Holm) und natürlich „Im Wagen vor mir“ (Henry Valentino & Uschi).
„Das musst du singen, Buddy“, hatte Toni zu mir gesagt.
„Vergiss es!“ Keinesfalls würde ich singen und mich blamieren.
Fünf Minuten später schlüpfte ich voller Inbrunst in die Rolle des Henry Valentino, schmetterte ein lustiges: „. . . sie fährt allein, und sie scheint hübsch zu sein . . .“ Ich gab alles.
Und ich verlor.

Dieses blöde Singstar zwingt einen nämlich nicht nur zum Singen, nein, es bewertet auch jede einzelne Zeile. Bei Toni und Aurélie schwirrte regelmäßig ein „Cool“ oder „Gut“ übern Bildschirm. Bei mir nicht.
Ständig stand da „Grausam“. Keine Ahnung wieso. Dabei hab ich mir so viel Mühe gegeben: „Ich träum so in Gedanken ganz allein und ohne Schranken, und wünscht das schöne Mädchen wär bei mir . . .“ Ich fand gerade diese Passage super interpretiert von mir. Singstar nicht.
Deshalb muss Toni in Zukunft ohne mich singen. Ich mache erst mit, wenn ich wiedergeboren wurde. Als Zebrafinkenmännchen.