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06.11.2009

Folge vom 06.11.09

Es war Elternabend in Tonis Schule, und ich habe das Einzige getan, was ein Mann in einem solchen Fall tun kann: Ich habe mich gedrückt. Es war nicht leicht, mich zu drücken. Schon am Tag zuvor war Aurélie süß lächelnd auf mich zugekommen, um mit säuselnder Stimme zu sagen: „Duhu, Schatz, morgen ist . . .“

„Nenn' mich nicht Schatz!“
„Ja, Liebling. Aber worauf ich hinaus will, ist, dass ich morgen Abend deine Unterstützung benötige. Das wäre ganz wichtig für mich. Unterstützt du mich?“
„Wobei?“
„Ist doch egal. Unterstützt du mich?“
„Ich will erst wissen wobei.“
„Das ist doch egal. Ich, deine Ehefrau, benötige deine Unterstützung. Wenn du mich wirklich liebst, hilfst du mir, ohne lange zu fragen.“
Derart typisch hinterhältig-weiblicher Argumentation ist natürlich schwer beizukommen. Normalerweise hat ein Mann da nur eine Möglichkeit, wenn er nicht unter einem zehn Tage währenden Liebesentzug leiden will. Er muss sagen: „Klar, ich unterstütze dich.“

Andererseits zeigt die Erfahrung, dass solche Blanko-Zusagen höchst gefährlich sind – meistens wäre man hinterher froh, man hätte den Zehn-Tages-Liebesentzug gewählt. Weil ich das weiß, blieb ich hart: „Erst die Info, dann die Antwort.“
„Pffff“, sagte da Aurélie.
„Ja?“
„Du bist echt fies. Das kannst du nur gutmachen, indem du mich unterstützt.“
„Wobei?“
„Morgen ist Elternabend, und ich will, dass du mich begleitest.“
Ich schluckte. Elternabend. Zweieinhalb Stunden leeres Gerede von übernervösen Eltern, nölenden Eltern, Verantwortung abwälzenden Eltern, ewig quasselnden Eltern, wichtigtuerischen Eltern, ängstlichen Eltern, uneinsichtigen Eltern. Furchtbar.
Deshalb sagte ich: „Ich kann nicht.“
„Warum?“
„Muss auf Toni aufpassen.“

„Hey“, rief Toni dazwischen. „Ich bin fast zwölf, auf mich muss keiner aufpassen. Außerdem beschützen mich Samson und Luigi.“
Ich rollte entnervt mit den Augen. „Erstens: Wenn der Keks spricht, hat der Krümel zu schweigen. Zweitens: Luigi ist Pazifist, und Samson leckt jedem Einbrecher begeistert die Hand ab. Drittens: Ich passe auf dich auf, basta.“

Mit dieser Basta-Politik, so dachte ich, hatte schon Gerhard Schröder Erfolg. Also würde ich auch damit durchkommen.
„Damit kommst du nicht durch“, sagte Aurélie. „Du musst mit. Ende der Diskussion.“ Das war dann das Ende der Diskussion.
Am nächsten Tag schützte ich starke Kopfschmerzen vor. Ich guckte so leidend, dass Aurélie vor Mitleid zerfloss. „Soll ich daheim bleiben? Dich pflegen?“
„Nein, nein, geh ruhig, ich komme schon zurecht. Ist doch wichtig, bei Tonis Elternabend präsent zu sein“, sagte ich tapfer.
„Du bist so tapfer“, sagte Aurélie und ließ mich allein. Ich machte mir einen schönen Abend, bis sie zweieinhalb Stunden später wieder kam.
„Und, wie war's?“
„Frag nicht“, stöhnte sie. „Nölende Eltern, wichtigtuerische Eltern, ängstliche Eltern . . . furchtbar.“
Ich nahm sie in den Arm und spendete ihr Trost. „Danke“, sagte Aurélie.
„Klar doch“, antwortete ich. „Du weißt: Ich unterstütze dich, wann immer du das brauchst.“