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05.12.2008

Folge vom 06.12.08

Wenn die Nächte länger und die Temperaturen niedriger werden, ist stets mit allerlei Ungemach zu rechnen: Im Radio läuft täglich 47-mal „Last Christmas“ von Wham!, was bei jedem vernünftigen Menschen zu Brechreiz führt; auf Weihnachtsmärkten bieten Glühweinstandbetreiber überteuerte, heiße, alkoholhaltige Zuckerbrause an, was bei jedem vernünftigen Menschen zu Brechreiz führt; in Kaufhäusern lustwandeln billige Nikolauskopien mit schief hängenden Bärten und quatschen arglose Kinder schräg von der Seite an, was bei jedem vernünftigen Menschen zu Brechreiz führt.

Vor allem aber ist die dunkle Jahreszeit die Zeit der Erkältungen, der Schniefnasen, der durch die Gegend geschleuderten Bazillen.
Wem das alles eine zu düstere Sicht der Dinge ist, der darf sich nun freuen, denn die Zeit der Erkältungen birgt auch Gutes. Wer genau hinsieht, entdeckt nämlich im grauen Nies-Allerlei bisweilen Herrschaften, die an jene Zeiten erinnern, von denen unsere Großväter nicht müde werden zu behaupten, dass sie auf alle Fälle besser waren als die aktuell währende Epoche.

Diese Herrschaften, meist angetan mit grauem Dreiteiler und Hut auf dem weiß behaarten Kopf, niesen alsbald vornehm und leise, kaum wahrnehmbar, ohne großes Getöse, wie es heute leider unter jungen Leuten üblich ist, die ihr Riechorgan mit brüllendem „Hatschi“ zu entleeren wissen. Die Dreiteilerträger haben das nicht nötig, Diskretion ist für sie zwar auch ein Fremdwort, weil es nunmal ein Fremdwort ist, aber sie wissen um die Bedeutung und niesen dementsprechend zurückhaltend.

Viel wichtiger jedoch: Nach erfolgtem feuchtem Abgang zücken die Dreiteilerträger kein Papiertaschentuchpäckchen, sondern zaubern flugs ein blau-weiß gemustertes und mit Initialen versehenes Stückchen Stoff hervor. Dieses falten sie sorgfältig auseinander, werfen einen prüfenden Blick ins Innere, um eine trockene Stelle zu entdecken (nichts ist unangenehmer, als die Nasenspitze direkt in ein vom vorherigen Schnäuzen noch bestehendes Nassfeld zu stecken), begutachten liebevoll die bereits angesammelten Körperflüssigkeiten und entleeren sich schließlich gleichermaßen dezent wie gründlich. Anschließend folgt ein weiterer prüfender Blick auf das Ergebnis der soeben verrichteten Arbeit, säuberliches Falten des Tuchs und der schnelle Abgang in einer der vielen Dreiteilertaschen – meistens übrigens in die Hose, vorne rechts.

Ich finde das großartig. So distinguiert. Distinguierter jedenfalls, als ich jemals sein werde. Ich, der ich in sämtlichen Jackentaschen, Rucksäcken, Schreibtischschubladen stattliche Vorräte an Papiertaschentuchpäckchen horte, auf dass mir stets ein Auffangutensil für meinen schleuderwilligen Naseninhalt zur Verfügung steht. Seit meiner Kindheit besitze ich kein Stofftaschentuch mehr, immer nur Papier, hautumschmeichelnd zwar, aber eben: nicht distinguiert. Nun könnten Sie einwenden, dass ich jederzeit ein Stofftaschentuch im gut sortierten Handel erwerben könnte. Stimmt, einerseits.

Andererseits finde ich den mehrmaligen Niesgebrauch eines Stofftaschentuchs zwar beneidenswert distinguiert. Aber spätestens nach der fünften Entladung eben auch recht unappetitlich. Ein grünlich schimmerndes Feuchtgebiet.
Womit wir wieder bei der Sache mit dem Brechreiz wären.