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07.08.2009

Folge vom 07.08.09

Jetzt, genau jetzt, in diesem Augenblick, was machen Sie jetzt? Klar, blöde Frage, Zeitung lesen. Aber wo? Gemütlich am Frühstückstisch, rechts die Tasse Kaffee, links das Croissant, gegenüber der werte Gatte, der hinterm Sportteil der PZ verschwindet? Ein netter Samstagmorgen, 8 Uhr?

Herzlichen Glückwunsch, Sie haben es gut. Ich habe es nicht gut. Ich stehe nämlich genau jetzt im Stau, zu dieser Sekunde. Am Gotthard-Tunnel auf dem Weg zum Lago Maggiore. Natürlich sind wir heute früh zu nachtschlafender Zeit losgefahren. Natürlich wissen wir, dass an einem normalen Sommerferiensamstag am Gotthard die Hölle los ist. Natürlich haben wir bedacht, dass Stau droht. Aber wir stehen trotzdem da, zusammen mit vielen, vielen anderen. Wahrscheinlich sind Sie froh, nicht mit mir tauschen zu müssen.

11 Uhr. Vielleicht sitzen Sie gar nicht mehr beim Frühstück? Sondern haben es sich auf einer Decke im Nagoldbad bequem gemacht? Die Sonne lässt ihre Strahlen über Pforzheim gleiten und sie aalen sich wohlig im wonnigen Wochenendgefühl?

Schön für Sie. Ich stehe immer noch im Stau. Klar, ich hätte eine Ausweichstrecke nehmen können. Über Chur und dann durch den San Bernardino-Tunnel. Ging aber nicht. Toni wollte unbedingt durch den Gotthard. Das hatte ich ihr schon voriges Jahr versprochen, doch der Tunnel war damals gesperrt.

12 Uhr. Leider stehen wir immer noch im Stau. Toni murrt vom Rücksitz und fragt im Fünf-Minuten-Takt, warum ich keine andere Strecke genommen habe. Und im Kofferraum meckert Samson. Er hat Hunger, er hat Durst und er findet im Auto keinen Baum, den er erst beschnuppern und dann markieren kann. Er ist sauer.

15 Uhr. Und Sie? Freuen sich daran, mit Ihren Kindern im Planschbecken zu toben? Natürlich nur kurz, schließlich brennt die Sonne, da ist Schatten angesagt. Und eine kleine Erfrischung tut auch Not. Nur zu, schlürfen Sie an Ihrer eisigen Cola oder gönnen Sie sich einen Drink, alkoholfrei versteht sich.

16 Uhr. Aurélie und ich haben Durst. Unser letztes Wasser haben wir Toni gegeben. In den vergangenen acht Stunden sind wir 21 Kilometer vorangekommen. Ich kann die Tunneleinfahrt schon sehen. Sie ist duster und abweisend – und doch so verheißungsvoll. Toni muss übrigens aufs Klo, schon seit zwei Stunden. Aber hier ist kein Parkplatz weit und breit.
17 Uhr. Wir sind im Tunnel. Es ist heiß und stickig, Toni bekommt Platzangst, Aurélie schlechte Laune, Samson winselt. Wir alle haben Hunger und die Nase voll. Sie dagegen gönnen sich jetzt das erste kühle Bier. Schmeißen demnächst den Grill an, trotzen der sommerlichen Schwüle. Freuen sich auf Nackensteaks und Würstchen, auf Kartoffelsalat und Ketchup. Am Himmel sind nur ein paar harmlose Wölkchen zu sehen, sie fügen sich malerisch ins Bild. Es geht Ihnen gut. Mir nicht.

20 Uhr. Wir sind am Ziel. Samson hat schon sämtliche Bäume der Umgebung markiert, Toni sich mit dem Kind aus dem Nebenhaus angefreundet, Aurélie und ich ein Bad im Fluss genommen. Am Horizont kündigt sich ein herrlicher Sonnenuntergang an. Es geht mir gut.
Und bei Ihnen? Starkregen? Hagel? Gewitter? Die Steaks nass, das Bier verwässert, die Kinder knatschig? Gelle, jetzt würden Sie gern tauschen . . .

Vergessen Sie's.