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08.11.2008

Folge vom 08.11.08

Ungefähr 300 Meter neben unserer Wohnung steht ein Krankenhaus. Wir können es nicht sehen, denn es verschwindet hinter hohen Bäumen und dichtem Gebüsch. Manchmal hören wir, dass da eine Klinik sein muss. Vor allem nachts, wenn der Rettungshubschrauber über die Dächer knattert und sich behutsam auf dem Landeplatz niederlässt.

Aber abgesehen davon fällt das Krankenhaus kein bisschen auf. Meine Eltern etwa, die uns regelmäßig besuchen, wussten gar nicht, dass wir in unmittelbarer Nähe einer Anstalt für körperlich Versehrte leben (das war nun ein zugegebenermaßen unsägliches Synonym für Krankenhaus, aber ich wollte es halt mal versuchen in Zeiten, in denen manche von „Tobe-Plätzen“ schreiben und Kinderspielplätze meinen). Doch die krankenhäusliche Unwissenheit meiner Eltern gehört nun der Vergangenheit an, denn sie haben es zu Besuchszwecken von Innen kennengelernt.

Aurélie hatte dort nämlich einen unfreiwilligen Aufenthalt gebucht. Dabei begann alles relativ harmlos: Nächtliches Erwachen, leichte Schmerzen am Oberkörper. Dann wurden die Schmerzen stärker, dann noch stärker, schließlich mündeten sie in üblen Krämpfen. Jedenfalls hat sie mir das später erzählt, ich habe nichts davon mitbekommen und seelenruhig geschlafen.

Am nächsten Morgen ging Aurélie zum Arzt, in der Gewissheit, dass der ihr auf die Schnelle helfen und sie vom Schmerz befreien könne. Konnte er aber nicht. Stattdessen sagte er: „Sie gehen jetzt mal ins Krankenhaus und lassen sich richtig untersuchen.“ Um es kurz zu machen: Aurélie hatte Gallensteine, die Krämpfe stellten sich als Koliken heraus, ein Eingriff samt Krankenhausaufenthalt war unumgänglich.
Selbstverständlich mimte ich den treusorgenden Ehemann. Kommt ja auch blöd, wenn die Frau 300 Meter entfernt im Krankenhaus liegt und der Mann klagt, weil die Wäsche nicht gewaschen, das Essen nicht gekocht, das Kind nicht erzogen wird und der arme Mann höchstselbst völlig überfordert ist. Und das alles nur, weil die Frau nicht funktioniert. Ich sagte also nichts dergleichen, was beweist, dass ich ein Ausbund an Höflichkeit und Rücksichtnahme bin.

Nach einigen Tagen kehrte Aurélie zurück, sie war dauermüde, schleppte sich durchs Leben, die Wäsche blieb ungewaschen, das Essen ungekocht, das Kind unerzogen. Kurzum: Die Patientin funktionierte immer noch nicht.

Stattdessen trieb sie Schabernack. Dazu blieb trotz aller Erschöpfung noch ein wenig Zeit: Wann immer Toni oder ich Widerworte gaben, maulten oder Aurélie gar wegen ihres Nichtfunktionerens zu kritisieren wagten, hob sie flugs ihr Shirt, präsentierte ihren Bauch und die drei grob vernähten Wunden, über die Aurélies Gallensteine (samt Galle) den Weg ins Freie fanden.

Toni schrie jedes Mal entsetzt auf und schlug die Hände vor die Augen. Ich betrachtete das Desaster interessiert – was Aurélie natürlich auch nicht recht war.

„Guck nicht so, die Wunden machen mich unattraktiv.“
„Stimmt“, sagte ich, charmant wie immer. „Aber die gehen ja wohl hoffentlich wieder weg. Und wenn wir schon dabei sind: Wann funktionierst du eigentlich endlich wieder?“
Keine Ahnung, warum Aurélie mir in diesem Moment eine Zeitung gegen den Kopf warf.