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09.01.2010

Folge vom 09.01.10

Elende Routine. Kaum hat das neue Jahrzehnt begonnen, ist es uns schon in Fleisch und Blut übergegangen. Kein Problem, sich daran zu gewöhnen, 2010 zu schreiben. 2009? War da mal was? Längst vergessen!

Vorbei die Zeiten, zu denen ein Jahreswechsel etwas ganz Besonderes war. Ein Ereignis von epochaler Bedeutung. Etwas, das sich einerseits ins Gehirn einprägte wie die Ermordung Kennedys. Und das andererseits zu größten Verwirrungen auf dem Gebiet der Daten führt.

Undenkbar, dass heute geschieht, was im Januar 1979 geschah. Ich besuchte damals die erste Klasse der Grundschule Stegen bei Freiburg, und ich konnte noch nicht viel. Ganze Sätze zu lesen war schwierig, zu schreiben sowieso und mit dem Zahlenwerk hatte ich auch noch meine Probleme. Aber das ging uns allen so, deshalb zeigte unsere Lehrerin, die gütige Frau Schober, größtes Verständnis für unsere Defizite. Wahrscheinlich war ihr klar, dass zu diesem Zeitpunkt unsere allgemeine Studierfähigkeit noch nicht zwangsläufig zu erwarten war.

Zu erwarten war aber eine Horde Kinder – das Wort „Kids“ gab es damals noch nicht – , die zu allerhand Streichen aufgelegt war. Wir hatten ja auch sonst nichts, keine Nintendos, keine Handys mit Mobbing-Videos, keine I-Pods, noch nicht einmal herkömmliche Walkmans mit Kassettenfach. Wir hatten nichts. Außer überschüssiger Energie.

Diese Energie sammelten wir an einem schönen Januarmorgen. Es war der erste Tag nach den Weihnachtsferien, die wir selbstverständlich damit verbracht hatten, jeden Tag Schlitten zu fahren, an Heiligabend erst die fallenden Schneeflocken und dann die wenigen bunten Gaben zu bewundern und uns die eine oder andere lustige Schneeballschlacht zu liefern. Damals gab es noch Schnee. Jedes Jahr. Meterhoch. Sogar in den Niederungen. 1979 fällt nämlich unter die Rubrik „früher“. Und früher war alles besser.

Nachdem dieser unvermeidliche Satz nun endlich auch geschrieben ist, kann ich ja weitererzählen. Die Schule begann also, wir versammelten uns im Klassenzimmer, Elke war auch da (sie lebte im Nachbarhaus, ging in meine Klasse und ich hatte damals beschlossen, Elke eines Tages zu heiraten. Keine Ahnung, warum das nicht geklappt hat), es ging uns gut. Und so beschlossen wir, Frau Schober einen total lustigen Streich zu spielen. Sie hatte nämlich die Angewohnheit, jeden Tag das Datum an die Tafel zu schreiben. Aber diesmal übernahmen wir die Aufgabe. Wir schrieben: 8.1.1978. Haben Sie es gemerkt? 1978 haben wir geschrieben. Anstatt 1979. Witzig, oder?

Nach der Missetat schlossen wir die Tafel, setzten uns brav auf unsere Plätze und warteten. Dabei waren wir gespannt wie die Flitzebögen, um mal einen leider in Vergessenheit geratenen Ausdruck zu gebrauchen. Hach, was waren wir aufgeregt. Wir wisperten und glucksten und kicherten. Dann kam Frau Schober. Sie sagte: „Guten Morgen.“

Wir sagten: „Guten Morgen, Frau Schober.“

Sie öffnete die Tafel, stutzte, drehte sich um, lächelte, drehte sich wieder zur Tafel, korrigierte das Datum, drehte sich zu uns, lächelte, sagte: „Beinahe hättet ihr mich reingelegt, ihr Schlingel.“

Ich weiß nicht, ob Frau Schober noch lebt. Aber ich weiß, dass ich nie wieder eine nettere Lehrerlüge gehört habe.