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09.01.2009

Folge vom 09.01.2009

Vor einigen Jahren hörte ich zum ersten Mal, dass es Glätteisen gibt und dass diese keineswegs mit Bügeleisen zu verwechseln sind. Ein Glätteisen dient also mitnichten dazu, zerknitterte Wäsche faltenfrei zu bekommen, auf dass der Bekleidete adrett seines Weges gehen kann.

Immerhin, glätten tut es, das Glätteisen. Und zwar die lockige Haarpracht trauriger Frauen, die lieber eng anliegendes Spaghettihaar ihr Eigen nennen würden und nicht die krausen Spiralen, die sich um Stirn, Schläfen und Hinterkopf schlängeln.
Diese Frauen klemmen ihre Strähnen zwischen zwei heiße Eisen, drücken fest und ziehen dann. Jedenfalls stelle ich mir das so vor, ich habe nie ein Glätteisen benutzt. Dabei hätte ich das tun können, denn – ich erzählte es an dieser Stelle bereits – als holder Knabe von zehn Jahren schmückte eine güldene Lockenpracht mein Haupt. Ich hasste meine Locken, so wie alle Lockenköpfe ihre Wellen hassen, während alle Glatthaarigen sich nichts anderes wünschen als eine ordentlichen Minipli und sich deshalb stundenlang beim Friseur ihres Vertrauens mit Lockenwicklern behandeln lassen.
Heute – und vielleicht ist das die Strafe für meine frühkindliche Haar-Unzufriedenheit – tummeln sich keinerlei wellige Strähnen lieblichen Menschenfells auf meinem Kopf. Nichts, was sich glätten ließe und damit den Kauf eines Glätteisens rechtfertigte.
Wobei das natürlich ohnehin Blödsinn wäre, denn Männer benutzen kein Glätteisen. Manche – Christian Wulff, Guido Westerwelle, Andreas Schütze – greifen sicherlich allmorgendlich zum geliebten Föhn.
Aber nicht zum Glätteisen. Das ist unmännlich und höchstens bei David Beckham zu akzeptieren. Bei dem kommt es ohnehin nicht mehr drauf an.
Männer benutzen, sofern sie nicht glatzköpfig sind, bestenfalls ihre Finger, um der Frisur den letzten Schliff zu verleihen, für den nötigen Pfiff zu sorgen, sie ausgehbereit zu machen.
Dachte ich jedenfalls.
Nun ist es aber so, dass kürzlich eine Horde junger, sympathischer Menschen in die Redaktionsräume strömte, um sich ein wenig kundig zu machen übers mühselige Geschäft der schriftlichen Nachrichtenverbreitung.
Es begab sich, dass sich diese Gruppe junger, sympathischer Menschen – allesamt Schüler – an den großen PZ-Tisch bewegte, um der Redaktionskonferenz beizuwohnen. Da ging aber mal ein Raunen durch die Redakteurs-Rasselbande. „Wahnsinn“, wisperte es an allen Ecken und Enden. „Die Jungs. Sind alle unters Glätteisen gekommen.“
Und in der Tat, so viel gewollte Glätte konnte unmöglich eine seltsame Laune der Natur sein, die zufällig sämtliches zur Verfügung stehende glatte Männerhaar in einem einzigen Klassenverband untergebracht hat. Da steckte System dahinter. Ein Glätteisensystem.
Ich war erschüttert, weil nun wirklich nichts mehr ist, wie es mal war, und ich mich in meiner schön eingerichteten Spießerecke damit auseinandersetzen muss, dass andere Mitglieder meines Geschlechts auf althergebrachte Männersitten pfeifen und sich stattdessen weiblicher Schönheitstricks bedienen.
Zum Glück bin ich schon verheiratet. Müsste ich mich mithilfe eines Glätteisens für den freien Markt bewerben, hätte ich echt Probleme. Und Brandwunden auf dem fast nackten Kopf.