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09.04.2010

Folge vom 09.04.10

Man kann es drehen und wenden wie man will, aber nach einer weiteren Woche bitteren Schmerzes steht fest: Isch habe Rücken! Jenes Leiden, das es mir vergangene Woche unmöglich gemacht hatte, meiner Verwandtschaft einen Besuch abzustatten, ist immer noch nicht verschwunden. Natürlich: Das ist nicht schön. Andererseits aber auch kein Grund, in lautes Wehklagen zu verfallen. Soll ja schon mal vorkommen, dass man Rücken hat.

Blöd wurde es nur, als es meinen Schmerzen einfiel, den Rücken zu verlassen und sich vorwitzig in Richtung meiner Beine fortzubewegen. Plötzlich hatte ich also nicht mehr Rücken – ich hatte Bein! Bein zu haben ist nicht nur unangenehm, sondern irgendwie auch alarmierend. Deshalb forschte ich ein wenig im Internet und fand mit wenigen Klicks dieses heraus: Rückenschmerzen, die ins Bein ausstrahlen, deuten in aller Regel auf einen Bandscheibenvorfall hin. Ich wollte keinen Bandscheibenvorfall haben.

Also tat ich, was ein Mann tun muss: Ich wandte ein Mittel an, das Männer schon seit Tausenden von Jahren mit Erfolg anwenden, wenn es gilt, Schmerz oder sonstiges Ungemach zu bekämpfen. Es ist das in medizinischen Fachbüchern weitgehend ignorierte Mittel der Ignoranz. Denn was wir Männer ignorieren, existiert nicht. Eine überragende Erfindung, derer ich mich von nun an zu bedienen gedachte.
Folgerichtig ignorierte ich fortan, Bein zu haben und erst recht den Gedanken, die Schmerzen könnten womöglich mit einem Bandscheibenvorfall zu tun haben. Wie nicht anders zu erwarten, hatte meine schon so oft erprobte Methode durchschlagenden Erfolg. Bis meine Schmerzen explodierten.

Vermutlich waren sie es leid, so schnöde ignoriert zu werden. Deshalb sagten sie sich: Wer nicht hören will, muss fühlen. Und wie ich fühlte. Mir schien, als würde es mein Bein zerreißen. Als der Schmerz nach gefühlten drei Tagen endlich ein wenig nachließ, und ich wieder ansatzweise klar denken konnte, wurde mir bewusst, dass es mit Ignoranz alleine nicht getan ist. Deshalb trat ich den schwierigen Weg zum Arzt an.

Der Medicus meines Vertrauens sah mich mitleidig an, wiegte seinen Kopf besorgt hin und her und sagte schließlich: „Ich fürchte, Sie haben einen Bandscheibenvorfall.“ Dass Ärzte einem immer wieder genau das sagen, was man nicht hören will.

Kurz darauf fand ich mich in der engen Röhre eines Kernspintomografen wieder, der mich 25 Minuten meines Lebens gefangen hielt. Es war erdrückend, es war laut, es war unangenehm. Manchmal ist es aber noch unangenehmer, den Kernspintomografen wieder zu verlassen. Etwa, wenn der Arzt die Aufnahmen sieht, sich bedächtig ans Kinn greift, seufzt, ungläubig den Kopf schüttelt und dann düster sagt: „Tja, Herr Huberth, das ist der schwerste Bandscheibenvorfall, den ich in den vergangenen zwei Jahren gesehen habe.“ Nun streben wir Männer gerne nach Rekorden. Aber auf diesen hätte ich gern verzichtet.

Noch am gleichen Tag sprach ich mit mehreren Ärzten, Neurochirurgen, Physiotherapeuten, Heilpraktikern, Wahrsagerinnen, mittelalterlichen Hexen, Orakeln von Delphi, Glaskugeln sowie mit Aurélie. Danach waren mir drei Dinge klar: Erstens: Isch habe Bandscheibe. Zweitens: Ich muss operiert werden. Drittens: Ignoranz wird völlig überschätzt.