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11.06.2010

Folge vom 11.06.10

So ein Rücken ist eine erstaunlich widerspenstige Sache, nicht bereit, mal Fünfe gerade sein zu lassen und nach einem Bandscheibenvorfall schnell wieder fit zu werden. Nein, so ein Rücken will gehätschelt werden, gehegt und gepflegt und stets beachtet.

Deshalb meldet er sich von Zeit zu Zeit, der Rücken, sagt, dass er noch da ist, jederzeit bereit, den gesamten Weltschmerz des Daseins in sich zu bündeln. Oder zumindest einen Teil davon.

Und siehe da, die gebündelten Weltschmerz-Teile werden kleiner. Unzählige Stunden im medizinischen Trainingszentrum, quälende Termine bei einer fiesen, namentlich nicht genannt werden wollenden Physiotherapeutin und der eiserne Wille eines echten Kerls machen es mir möglich, den Weg zurück zur Menschwerdung schon ein gutes Stück beschritten zu haben.

Doch dieser Weg ist steinig und hart, und er wird kein leichter sein. Wie steinig und hart er ist, habe ich am eigenen Leib erfahren. Kaum hatte mein Rücken nämlich den Eindruck erweckt, klein beizugeben und eine Zeitlang nicht zu schmerzen, machte ich mich mit meiner Familie auf zu einer kleinen Wanderung. Wir fuhren mit dem Auto in die Pfalz, damit wir mal was anderes sehen als die ewig gleichen Hundespaziergangrouten. Samson hechelte in seinem Käfig im Kofferraum vor sich hin, Toni zog ein Gesicht, wie pubertierende Blagen das eben machen, Luigi musste daheim bleiben und vagabundierte beleidigt durch die Straßen, Aurélie versuchte die Straßenkarte zu lesen und ich die Stimmung zu retten.

Letzteres misslang, was sich spätestens zeigte, als Toni binnen zehn Minuten zum vierten Mal mit genervter Stimme fragte: „Wie lange dauert das denn noch?“
Nun, es sollte noch eine gute halbe Stunde dauern, ehe wir den Waldparkplatz unseres Vertrauens erreicht hatten. Wir stiegen aus, ich trug eine Getränkeflasche, Toni die immer gleiche Nörgelmiene und Samson einen Kampf mit einem anderen, dahergelaufenen Rüden aus. Aurélie und ich, ganz die konsequenten Eltern, ließen uns die Stimmung von all diesen Widrigkeiten nicht vermiesen und wanderten stur weiter. Und wir wurden belohnt, die Laune aller Beteiligten besserte sich zusehends.

Spätestens als Samson beim Versuch, etwas zu trinken, in einen kleinen Teich fiel, war auch Tonis Tag gerettet. Der Hund hievte sich aus dem Gewässer und raste wie ein Irrer vor und zurück und führte uns derart rasend schließlich zu einem kleinen Felsenweg, der Toni einen entzückten Aufschrei entlockte: „Oh, ein kleiner Felsenweg!“

Sie sprang fortan wie ein junges Reh vorneweg, bester Laune nun und sogar verkündend, dass wir hier ruhig öfter mal spazieren gehen könnten.
Eine Aussage, die mich so überraschte, ja, in meinen Grundfesten erschütterte, dass ich wohl einen Moment die Konzentration verlor, nicht aufpasste, in ein Loch trat, übelst umknickte und mit einem Schmerzensschrei auf den harten und steinigen Boden sank.

Bänderdehnung? Bänderriss? Knöchelbruch? Mir schwante Böses. Kaum klappte es mit dem Rücken, versagte mein Fuß. Selbstmitleidig humpelte ich die gefühlten 28 Kilometer zum Auto zurück, ließ mich auf den Beifahrersitz fallen und schimpfte über denjenigen, der die vollkommen absurde Idee hatte, in der Pfalz zu wandern.

Mein einziger Trost in diesen dunklen Stunden: Zum Glück bin ich kein Fußball-Nationalspieler. Denn für die WM wäre ich bestimmt ausgefallen. Und das hätte Jogi bestimmt nicht verkraftet.