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10.07.2009

Folge vom 11.07.09

Leo ist nun getauft und ich war Zeuge. Es ist keine Kunst, Zeuge einer Taufe zu sein. Einfach in die Kirche gehen, zugucken – und schon ist man qua Anwesenheit Zeuge.

Aber ich bin ein besonderer Zeuge, ein Zeuge Leos.
Leo ist der sechs Monate alte Sohn von Sonja, Sonja ist meine Ex-Freundin, die bis vor einigen Jahren in dieser kleinen Kolumne eine tragende Rolle gespielt hat.

Nun spielt sie eine andere tragende Rolle, denn Leo will gerne und lange durch die Gegend geschleppt werden. Sonst weint er – und zwar laut, wie es halt die Art von kleinen Buben ist, die nicht bekommen, was sie wollen.

Bei der Taufe hat er sich auch tragen lassen, der kleine Racker – und zwar auf einer Woge der Begeisterung, ausgehend von den Taufgästen, die in die großen, runden Augen des Knaben guckten und Dinge riefen wie: „Hach, ist der süß.“

Manchmal habe ich Leo der Begeisterungswoge entrissen und ihn in den Arm genommen. Ich hob ihn hoch, ich kitzelte ihn, ich brachte ihn zum Lachen. Ist ja schließlich auch meine Aufgabe, so als Taufzeuge.

Bis vor kurzem wusste ich nicht einmal, dass es so etwas wie Taufzeugen gibt. Taufpaten, klar, die kannte ich. Und so war ich geschmeichelt und gerührt, als Sonja mich vor einigen Monaten fragte, ob ich mir vorstellen könne, Leos Pate zu sein.
Ich sagte zu – und direkt daraufhin wieder ab. „Ich glaube nicht, dass das geht. Ich bin schließlich aus der Kirche ausgetreten. Und die Katholiken sind da etwas engstirnig“, sagte ich.
„Oh“, sagte Sonja.

Tatsächlich hatte ich Recht: Die katholische Kirche akzeptiert nur solche Paten, die auch selbst katholisch sind. Alle anderen dürfen höchstens Taufzeugen werden. Der Taufzeuge hat nichts zu melden, seine Funktion wird nirgends vermerkt, für die Kirche ist er sozusagen nicht existent.

Sonja war das egal, sie wollte nur, dass ich für Leo der Pate bin. Nicht für die Kirche. Und so kam es also, dass ich Taufzeuge wurde.
Im Nachhinein muss ich übrigens Abbitte leisten: Es ist ja nicht schwierig, auf die Kirche einzudreschen, sie der Engstirnigkeit und Lebensferne zu bezichtigen. In diesem Fall wäre das verkehrt. Denn Taufpaten müssen geloben, die Täuflinge im Glauben zu bestärken, ihnen christliche Werte und Grundsätze zu vermitteln. Das mit den christlichen Werten bekäme ich hin, den Rest nicht. Die Kirche hat also schon Recht.

Das wurde mir spätestens klar, als der Pfarrer die Taufpaten (es waren noch zwei andere Täuflinge bereit, sich den Kopf nass machen zu lassen) der Reihe nach fragte, ob sie bereit seien, die Verantwortung für die lieben Kleinen zu übernehmen, mit ihnen zu beten, ob sie geloben, die Kinder im Glauben zu bestärken undsoweiter. Alle sagten ja. Nur ich hielt den zappelnden Leo auf meinem Schoß fest und schwieg.

Spätestens in diesem Moment war ich froh, nur Taufzeuge zu sein. Als Pate hätte ich lügen müssen – und wäre damit kein gutes Beispiel für den kleinen Kerl. Außerdem hat Sonja meine Aufgaben im Leben Leos ohnehin eindeutig definiert: „Wenn er mich zu sehr nervt, kommt er eine Woche zu Aurélie und dir. Außerdem klärst du ihn auf, wenn es so weit ist. So von Mann zu Mann. Und vor allem bringst du ihm bitte bei, Fußball zu spielen. Ich kann das nicht.“
Ich schon. Das gelobe ich.