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11.10.2008

Folge vom 11.10.08

Jugendliches Leben, speziell das pubertierende, ist nichts, wonach man sich zurücksehnen sollte. Weg also mit dem Jugendwahn, mit all dem Nonsens, der uns weismachen will, dass früher alles besser gewesen sei, insbesondere das Wetter, die Haut und die Zukunftsaussichten.

Spätestens mit den ersten feuchten Träumen war der Spaß doch vorbei. Generationen von jungen Männern verzehrten sich nach unerreichbaren Frauen wie Ornella Muti, Sophie Marceau oder Katja Schulzke aus der 7c. Erfolglose, übergewichtige Typen wie ich verzweifelten am Dasein, an den Geschichten der Freunde, die in enervierender Detailtreue vom Knutschen im Kino erzählten oder vom Sex mit einer 27-Jährigen beim Ferienjob: „Die hatte es echt drauf!“.

Ich wollte das nicht hören, wollte es nicht wissen und konnte mir nicht einmal so richtig etwas vorstellen unter „es echt drauf haben“. Stattdessen wurde ich rot, sobald mich ein weibliches Wesen ansprach (und wenn es eine 60-jährige Lehrerin im Deutschunterricht war). Es war zermürbend. Und als mir schließlich noch die ersten Haare im zarten Alter von 15 Jahren ausfielen, war mein Schicksal besiegelt: Ich würde auf ewig ein Dasein als männliche Jungfrau fristen müssen. Mir blieb auch nichts erspart..

Bis auf eins: Mein Gesicht blieb weitgehend glatt, verwandelte sich nicht in einen pickligen, eiternden Streuselkuchen. Ich hätte mich also problemlos rasieren können. Wenn es etwas zu rasieren gegeben hätte. Gab es aber nicht. Natürlich grämte mich das, doch insgesamt wollte ich über ausbleibende Auswüchse in meinem Gesicht nicht klagen.

Voller wollüstigem Mitleid betrachtete ich meine aknegeplagten Mitschüler. Endlich mal ein Pubertätsleiden, von dem ich nicht befallen war. Echt, mir taten die Jungs und Mädels mit den Kratern im Gesicht aufrichtig leid. Aber ich empfand deren Gebrechen trotzdem als ausgleichende Gerechtigkeit für alle meine Defizite.
Es bleibt also festzuhalten, dass die Jugend im Allgemeinen und die Pubertät im Speziellen keineswegs ersehnenswerte Zustände sind..

Ich weiß das..

Toni weiß das nicht..

Und so kam es, dass Toni vergangene Woche im Badezimmer stand und plötzlich einen Schrei ließ. Aurélie sauste mit panischem Gesicht ins Bad, voller Sorge, was dem Kind geschehen sein könnte. „Toni!? Toni!? Was ist los?“.

„Ich habe einen Pickel“, rief Toni..

Um Himmels Willen, dachte ich, jetzt geht das Theater los. Der erste Pickel ist ein tiefer Einschnitt im Leben eines jungen Menschen..

„Mein erster Pickel“, stammelte sie fassungslos. „Mein allererster Pickel. Ich bin ja so glücklich!“.

„Hä?“, fragte ich, eloquent wie immer. „Glücklich?“.

„Ja. Ich werde erwachsen.“.

„Toni, du bist zehn. Du wirst noch nicht erwachsen.“.

„Aber fast. Ich habe schließlich einen Pickel. Und ich kann mir eine Anti-Pickel-Creme kaufen. So wie alle Teenies. Ist das nicht toll?“.

„Doch, toll“, murmelte ich..

Am nächsten Tag schmierte sie sich pfundweise „First Beauty – für die junge reine Haut“ ins Gesicht und trug ihren Pickel stolz durch die Gegend. Mal sehen, ob das so bleibt, wenn ihre Haut einer Vulkanlandschaft gleicht..

Ich werde Mitleid mit ihr haben. So wie früher.