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11.12.2009

Folge vom 11.12.09

Machen wir uns nichts vor: Für unsere Kinder sind wir kaum interessanter als, zum Beispiel, eine Tagesschau-Meldung über eine Absatzkrise der usbekischen Lederjackenhersteller. Jedenfalls, wenn sie ein bestimmtes Alter erreichen. Also die Kinder, nicht die Usbeken.

Sie sehen es dann einfach nicht mehr als höchstes Glück, mit uns über die Ereignisse auf dem Pausenhof der Schule zu sprechen, über das Teenager-und-die-erste-Liebe-Buch, das sie gerade lesen, oder über den vergangenen Urlaub, wegen dem unsereins gerade ins erinnernde Schwelgen geraten ist.

Vielleicht können wir sie noch beglücken, wenn wir ein munteres Spiel mit ihnen spielen oder ihnen erlauben, ihre Lieblingsfernsehsendung zu sehen oder mit ihnen in den Elektronikfachmarkt gehen und ihnen erlauben, von unserem Geld zehn Spiele für ihren Nintendo zu kaufen. Wobei das natürlich nichts als hilflose Erpressungsversuche sind, unsere Kinder für uns zu interessieren. Albern, aber was soll man machen?

Bei Toni läuft es genauso. Sie ist jetzt elfeinhalb, sie will nicht mit uns einkaufen gehen, sie will nicht mit uns und dem Hund spazieren gehen, sie will nicht einmal nette kleine Ausflüge mit uns unternehmen. Das ist ihr alles zu langweilig. Oder anders ausgedrückt: Wir sind ihr zu langweilig. Natürlich zwingen wir sie trotzdem regelmäßig, sich auch an solchen Aktivitäten zu beteiligen, und meistens hat sie dann sogar Spaß daran. Aber das hört vermutlich in spätestens zwei Jahren auf.

Es gibt überhaupt nur wenig, was Toni in den Ferien oder am Wochenende uneingeschränkt beglückt. Nämlich das: Wir erlauben ihr, bei Freundinnen zu übernachten. Oder, was häufiger vorkommt, Freundinnen dürfen bei ihr übernachten. Vor zwei Wochen zum Beispiel war Annalena bei uns. Annalena ist sehr lustig. Als an Tonis Geburtstag eine ganze Horde Mädels bei uns nächtigte, tat Annalena so, als sei sie eine alte Oma, sie verstellte ihre Stimme, simulierte, keine Zähne im Mund zu haben und schimpfte über die jungen Gänse, die mit ihr am Tisch saßen und schnatterten. Sehr beeindruckend.

Die Kleine hat also Fantasie und passt deshalb gut zu Toni. Die verkleidet sich nämlich gern, schreibt kleine Theaterstückchen und schauspielert sich dann durch ihre kleine Welt. Gemeinsam sind die beiden besonders kreativ. Vor allem beim Schlafengehen. Nachdem sie uns den ganzen Abend lang auf jede Nachfrage genervt zu verstehen gegeben haben, dass sie ohne uns zurecht kommen („Seid ihr satt?“ – „Jahaa!“. „Habt ihr genug getrunken?“ – „Jahaaa!“. „Ist alles in Ordnung?“ – „Jahaaaa“), ertönte gegen Mitternacht ein klagender Ruf.

„Mama? Mamaaaa?“ Aurélie antwortete schlaftrunken: „Mhm?“
„Kannst du mal bitte kommen? Und der Buddy auch.“
Wir quälten uns müde aus den Daunen und erklommen die steile Treppe nach oben ins Kinderreich.
„Was ist?“
Das Duo sah erst sich und dann uns verlegen an. „Na ja“, sagte Toni. „Wir haben uns gegenseitig Gruselgeschichten erzählt und jetzt haben wir Angst. Könnt ihr mal nachgucken, ob hier irgendwo Gespenster oder Monster sind?“
Wir guckten nach. Kein Gespenst, kein Monster. Nur zwei Zwerge, die uns Erwachsene doch noch brauchen. Manchmal.