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12.02.2010

Folge vom 12.02.10

An einem der vielen grauen, kalten, unwirtlichen Wintertage der jüngeren Vergangenheit musste ich mitansehen, wie zwei Menschen unterschiedlichen Geschlechts, also eine Frau und ein Mann, ein Paar, wie ich einfach mal so ins Blaue hinein vermute, wie diese beiden also die Stadtbahn gen Bad Wildbad bestiegen. Das allein hätte mich nicht erschüttert. Warum nicht einfach mal nach Bad Wildbad fahren? Die Luft ist gut, die Gegend schön, die Bahnfahrt kurzweilig.

Erschütternd war vielmehr der Umstand, das die beiden jeweils ein paar Langlaufskier und ein zuversichtliches, womöglich sogar von Vorfreude gekennzeichnetes Lächeln trugen. Dieses Lächeln im Zusammenhang mit Langlaufskiern ließe sich dadurch erklären, dass das Duett in einem dankenswerten Anfall von Weisheit beschlossen hatte, die Skier „versehentlich“ in der Bahn zu vergessen oder auf andere Art und Weise zu entsorgen.

Aber ich fürchte, die beiden freuten sich tatsächlich darauf, sich erst auf die Skier und dann über eine der vielen Loipen des Nordschwarzwalds zu bewegen. Abartig, sowas.

Schon die Langlauferei an sich ist an Albtraumhaftigkeit kaum zu überbieten. Sich darauf aber auch noch zu freuen, das ist . . . das ist . . . das ist . . . ach, mir fehlen die Worte.

Und kommen Sie mir jetzt nicht damit, dass Langlaufen gesund sei. Das weiß ich. Aber Fenchel ist auch gesund und trotzdem unerträglich. Der Anblick von Langlaufskiern verursacht mir an schlechten Tagen Ausschlag, an guten ein mieses Gefühl, hervorgerufen durch grausame Erinnerungen an meine Kindheit und Jugend.

An die Kindheit deshalb, weil ich sechs Jahre meines jungen Lebens in Villingen verbracht habe. Dort ist zwar die Fasnet ganz nett, aber dafür liegt auf der Baar von Ende September bis Anfang Mai eine undurchdringliche Schneedecke. Und zwar jedes Jahr. Deshalb gehört es für den gemeinen Villinger zum Pflichtprogramm, frühzeitig jene Kunst zu erlernen, die es ermöglicht, sich auf Langlaufskiern fortzubewegen. Heute gibt es dafür auch SUVs, aber damals, als ich ein Kind war, hatten wir ja nichts. Jedenfalls kein schneegängiges Automobil. Mal davon abgesehen, dass ich mit acht Jahren auch noch nicht im Besitz eines Führerscheins war.

Also zwangen mich meine Eltern und die unbarmherzige Natur, mich auf Skier zu stellen und mich über den Schnee zu wälzen. Ohne Loipe, ohne Wachs, ohne Technik. Ich habe es gehasst, ich hatte ständig quälenden Hunger, mir wurde schlecht, ich habe gefroren und geschwitzt, mit jedem Schritt, den ich vorankam, rutschte ich wieder einen halben zurück – es war schrecklich.

Zum Glück zogen wir bald zurück nach Freiburg. Dort fällt niemals Schnee, und ich konnte die Skier verschwinden lassen. Für immer. Dachte ich.

Doch in der zehnten Klasse fuhren wir ins Ski-Landschulheim. Alpin hatte ich nie gelernt, Snowboard schon gar nicht – also landete ich in der Loser-Langlauf-Gruppe. Wir waren zu viert, drei Supersportler und ich. Die Sportler zogen ihre Bahnen, ich hechelte mit großem Abstand hinter her, stolperte hier, fiel dort.

Am zweiten Tag hatte ich die Nase voll und verabschiedete mich mit meinen dünnen Latten auf den Babyhang, den ich fortan stundenlang hinabrutschte. Ja, das war demütigend, traurig, erniedrigend.
Doch es war kein Langlauf.