nach oben
12.07.2008

Folge vom 12.07.08

Geselligkeit wird total überschätzt. Public Viewing zum Beispiel. Furchtbar. Inmitten einer Horde grölender, größtenteils betrunkener Menschen stehen und dabei nur ein winziges Fitzelchen der Leinwand sehen – schlimm. Und der Weg zur Toilette ist schier unüberbrückbar. Zum Glück ist mit dem kollektiven Fußball-Spaß erstmal Schluss, mindestens für die nächsten zwei Jahre.

Aber auch sonst kann ich diversen Formen der Geselligkeit nicht viel abverlangen. Mit anderen Pärchen einen trinken gehen, die dann womöglich anfangen zu streiten, nur vom Baby (Hund, Katze, kranke Großeltern) erzählen oder damit angeben, dass sie im Sommerurlaub wieder extrem aktiv sein werden und auf irgendwelche 8000er klettern. Und die dann, unter dem Deckmäntelchen der geselligen Frotzelei, grinsend zu mir zu sagen: „Könntest du auch mal probieren, da nimmt man ziemlich ab.“

Nein, Geselligkeit ist keine schöne Erfindung.

Aurélie sagt manchmal, ich sei ein Eigenbrötler. Ich glaube, sie meint das nicht als Kompliment. Ja, ich fürchte sogar, aus diesem schnell dahingesagten Wort einen Hauch von Kritik heraushören zu können.

Dabei bin ich gar nicht so eigenbrötlerisch. Jeden Tag in der Redaktion gebe ich mich den zweifelhaften Freuden der Geselligkeit hin, plaudere mit den Kollegen, übe mich in der Kunst der Konversation, beliebe bisweilen gar zu scherzen. Extrem anstrengend das alles.

Da ist es doch nur logisch, dass ich, sobald der Feierabend leise naht, eine gewisse Sehnsucht nach Ruhe entwickle. Nichts dagegen, dass Aurélie meinen Weg kreuzt. Fein, wenn Toni mir jauchzend entgegenhüpft (was sie im Zeitalter der Vorpubertät leider fast gar nicht mehr macht).

Aber noch mehr Aufregung kann ich einfach nicht gebrauchen. Als ob so ein bisschen Zwei- oder Dreisamkeit nicht reicht.

Toni reicht sie offensichtlich nicht: „Duhu, Buddy, freust du dich auch so wie ich?“, fragte sie mich an einem Freitagabend.

„Worüber?“, knurrte ich erschöpft.

„Dass Sylvie und Jojo gleich kommen, um bei mir zu übernachten.“

Oh Gott, dachte ich, nur das nicht. „Oh Gott“, sagte ich, „nur das nicht.“

Ich sah Aurélie strafend an. „Wie konnte das passieren. Die machen doch Krach. Die wollen was essen und ich muss es kochen. Die stressen mich.“

Aurélie sagte: „Nur weil du ein Eigenbrötler bist, müssen wir das nicht auch sein.“

„Genau, Buddy“, sagte Toni, „du bist so ungesellig.“

„Geselligkeit wird total überschätzt“, sagte ich. Aber das hielt sie natürlich nicht ab, und zehn Minuten später kamen Sylvie und Jojo.
Sie hatten Hunger, ich kochte für sie, und später kicherten sie und Toni den ganzen Abend. Sie waren, alles in allem, sehr gesellig. Auch noch, als sie längst im Bett lagen und schlafen sollten. Sie flüsterten und lachten unentwegt, während Aurélie und ich uns auf eine „Tatort“-Wiederholung konzentrierten.

Irgendwann, die letzte Viertelstunde des Krimis war angebrochen, herrschte Ruhe in Tonis Zimmer. Trügerische Ruhe.

Denn plötzlich kamen die Mädchen weinend zu uns gelaufen. Sie hatten sich gestritten. Den Krimi konnten wir vergessen.

Und schuld war nur die Geselligkeit. Die wird halt total überschätzt.