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12.09.2009

Folge vom 12.09.09

Es braucht schon Mut, ich zu sein. Vor allem an Tagen wie diesen: Ich war das einzige menschliche Wesen im Haus. Toni und Aurélie waren unterwegs, lediglich Samson, Luigi und ich hielten die Stellung. Hund und Katz' machten, was sie am liebsten machen, sie pennten. Ich hielt Wache.

Schon das erfordert Mut. Das Haus mit Klauen und Zähnen zu verteidigen gegen alles, was an einem Samstag Nachmittag einzudringen droht. Und das kann eine Menge sein. Auch Böses.
Nur – in diesem Fall war das Böse schon eingedrungen.
Das wurde mir klar, als ich mich zu einem kleinen Nickerchen (Wache halten ist anstrengend) auf die Couch zurückzog. Kaum hatte ich die Augen geschlossen, hörte ich es: Ein Rascheln. Ein Knistern. Ein Gruschteln.

Unheimlich.

Ich erhob mich von der Couch und versuchte, die Geräusche des Bösen zu orten. Spitzte die Ohren, lauschte wie der Lauscher an der Wand, schlich durchs Wohnzimmer. Kein Gedanke an Flucht. Ich würde bleiben. Kämpfen. Allein auf mich gestellt. Mann gegen Mann. Gut gegen Böse. Ich gegen alle.

Mit geschmeidigen James-Bond-Bewegungen näherte ich mich der Geräuschquelle. Ha! Der Fernsehschrank! Da lauerte es, das Böse! Hinter jenem flachen Möbelstück, unter das nicht einmal ein Besenstiel passt. Es lauerte, und es wartete auf mich.

Todesmutig kam ich näher. Ach, wenn mich doch jetzt ein Bond-Girl sehen könnte. Oder wenigstens Aurélie. Aber nein, in den Momenten größten Heldentums guckt wieder keine Sau zu. Ich packte den Schrank, ich zog, ich zerrte. Doch er wollte nicht weichen. Verdammt schwer, das Ding, vor allem mit unserem riesigen Fernseher aus vorsintflutlichen Zeiten. Und während ich so zerrte, knisterte es munter weiter. Das Böse hatte echt die Ruhe weg.

Ich sammelte all' meine Kraft – und unter Aufbietung sämtlicher zur Verfügung stehender Energie zog ich den Fernsehschrank nach vorn – und da sah ich es, das Böse. Aug' in Aug' standen wir uns gegenüber. Mich schauderte. Aber ich hielt den Blick. Das Böse nicht. Das Böse senkte den Kopf. Und dann huschte es weg, raste zum Klavier, versteckte sich vor mir, dem James Bond der PZ, dem Rächer Badens, dem Supermann im Ländle.

Ich lächelte. Dann hob ich die Stimme: „Luigi“, rief ich. „Komm sofort her, wir haben eine Maus im Haus.“ Luigi kam nicht. Also holte ich ihn aus dem ersten Stock herunter und setzte ihn vorm Klavier ab.
„Nicht zu fassen“, maulte ich. „Dich muss man tatsächlich zum Jagen tragen.“

Der Rest ist schnell erzählt: Ich schob das Klavier zur Seite, Luigi stürzte sich auf die Maus, packte sie und trug sie stolz durch die Wohnung. Bis Samson auf ihn zukam und mitspielen wollte. Luigi erschrak, ließ die Maus fallen, die flüchtete unters Sofa, dann hinter den Fernsehschrank. Und trotz Schiebens, Suchens und Fluchens blieb die Maus – wir nennen sie Fridolin – verschwunden. Nur nachts kommt sie heimlich hervor und zerfetzt unsere feinen Weintrauben.

Ist es zu fassen? Wir haben einen Kater – und trotzdem eine Maus im Haus. Natürlich habe ich Luigi beschimpft, ihn als Versager bezeichnet. Ihm war's wurscht. Er hat nur gemaunzt, damit ich ihm endlich sein Fressen bringe. Was ich auch getan habe. Er muss zu Kräften kommen. Für die Jagd auf Fridolin.