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13.03.2009

Folge vom 13.03.09

Es ist schon entnervend, wie alle Welt sich dieser Tage in Verzicht übt. Unsägliche Fastenzeit. Die einen essen fast nichts, die anderen sehen nicht fern, die nächsten schwören bis Ostern dem Alkohol ab.

Okay, sollen sie. Aber warum müssen die schrecklich Darbenden sich so ungeniert mit ihren Unterlassungen brüsten? Warum stehen sie an allen Ecken der Stadt und unterhalten sich lauthals: „Na, worauf verzichtest du in den kommenden Wochen? Ich habe ja mein Auto in die Garage gestellt und fahre bis Ostern nur noch Rad, bei jedem Wetter.“

„Du, finde ich echt total toll von dir. Habe ich letztes Jahr auch gemacht. Diesmal verzichte ich auf alle elektronischen Medien. Kein Fernsehen, kein Radio, kein Internet, sogar das Telefon habe ich ausgestöpselt und das Handy abgeschaltet. Ach, ich fühle mich jetzt schon von sooo viel Ballast befreit. Echt superschön, die Fastenzeit.“
Schrecklich, dass diese Fasterei so in Mode gekommen ist. Früher war das anders und – selbstverständlich – besser. Außerhalb christlicher Vereinigungen gab sich die Menschheit auch nach dem Aschermittwoch der fröhlichen Völlerei hin, saß stundenlang vor der Glotze und gönnte sich ein oder zwei oder drei oder vier oder fünf gepflegte Feierabendbiere. Nur Mönche fasteten.

Heute fastet jeder Depp, bin ich fast geneigt zu sagen. Sage ich aber nicht, weil empfindliche Naturen das als Beleidigung auffassen und empört rufen könnten: „Nur weil ich wochenlang keine roten Gummibärchen esse, bin ich doch kein Depp!“

Es gibt nur wenige Fast-Ausnahmen die zu akzeptieren ich bereit bin. Neben Mönchen sind das eigentlich nur noch meine Kollegen Berends und Kindlein. Das Duo gönnt sich zwischen Ostersonntag und Aschermittwoch abendlich jeweils ein Fläschchen Bier, um nach getaner Arbeit den Tag gemütlich ausklingen zu lassen. Berends, Mode-Ikone und Sportskanone, Kindlein, Feinschmecker und Intellektueller, fiebern alljährlich dem Ende des Faschings entgegen, um zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag endlich aufs Bier verzichten zu dürfen. Das hat Tradition, das ist authentisch, das hat sogar einen Hauch von Charme.

Entsetzt war ich jedoch, als meine Kolleginnen Joos, Frey und Biesinger mich in diesem Jahr mit folgenden Worten überfielen: „Wir erklären uns solidarisch mit den Kollegen und verzichten auch. Und zwar auf Schokolade. Nur Nutella ist erlaubt. Mach' doch mit!“

„Grmpf“, sagte ich. Und, als ich mich wieder beruhigt hatte: „Grmpf.“ Und dann: „Grmpf. Ich denke gar nicht daran.“ Daraufhin hob ich kämpferisch den Arm und rief: „Ich unterwerfe mich nicht dem Joch des Fastendiktats. Ich esse, ich trinke, ich fahre Auto, wann immer ich will.“
Beifallheischend sah ich mich um. Doch keine Hand rührte sich, kein Applaus plätscherte an mein erwartungsvolles Ohr.

„Ignorant“, zischte Joos.
„Feigling“, ätzte Biesinger.
„Versager“, maulte Frey.

Erschöpft berichtete ich am Abend Aurélie von dem Zwischenfall. Sie hatte kein Mitleid. Im Gegenteil, sie sagte: „Verzicht würde dir aber auch mal ganz gut tun. Mach' doch mit.“

Schlimm, wie ich unter Druck gesetzt werde. Aber wie jeder vernünftige Mensch gebe ich den Druck weiter. Deswegen muss mein Hund Samson nun fasten. Unter meiner Aufsicht.