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12.06.2009

Folge vom 13.06.09

Meine Kollegen sind teilnahmsvolle Menschen. So teilnahmsvoll, dass mich der Kollege Kindlein kürzlich darauf hinwies, dass es in einem Gartenfachmarkt Vertikulierer im Angebot gäbe.

Ich dankte für den Hinweis, protzte kurz mit meinem Wissen, dass es genau genommen Vertikutierer und nicht Vertikulierer heißt, und lehnte dann dankend ab mit den Worten:

„Ich muss dankend ablehnen, denn ich habe bereits einen Vertikutierer.“
Da sah mich der Kollege Kindlein bewundernd an.

Am nächsten Tag teilte er mir mit, das er in einem Prospekt einen prima Rasentrimmer entdeckt habe. Ob das nichts für mich sei, schließlich sei ich ja bekannt dafür, mich gerne im Garten zu tummeln und dort wochenends allerlei Arbeiten zu tätigen.

Ich dankte dem Kollegen, war richtiggehend gerührt von der Fürsorge und deshalb auch ein wenig traurig, als ich sagen musste:
„Vielen Dank, lieber Kollege Kindlein, aber ich habe schon einen Rasentrimmer.“

Da sah mich der Kollege abermals bewundernd an. Die Kollegin Biesinger, die im Hintergrund darauf lauerte, sich in unser Männergespräch einzumischen, sah mich nicht bewundernd an. Vielmehr rief sie entsetzt: „Boah, bist du ein Spießer geworden.“

Ich strahlte sie an: „Ja, nicht wahr? Ich habe eine Frau, ein Kind, ein Haus mit Garten, einen Hund und einen Kater. Es ist herrlich, ein Spießer zu sein.“

Ich finde es nicht schlimm, ein Spießer zu sein. Das war natürlich mal anders. Als junger Kerl hatte ich Flausen im Kopf und sagte Dinge wie: „Ich werde nie ein Spießer.“ Das war naiv, denn irgendwann werden wir alle mal zu Spießern. Irgendwie. Wobei: Ein echter Spießer bin ich selbstverständlich nicht!

Was nun die Frage aufwirft, was eigentlich ein echter Spießer ist.
Der herkömmlichen Meinung nach ist ein Spießer jemand, der Familie hat, im Garten werkelt oder an Bausätzen von Modellschiffen arbeitet und Pullunder mit Rautenmuster trägt. Jemand, der einer geregelten Arbeit nachgeht, einmal im Jahr in Urlaub fährt und sich um seine Haustiere kümmert. Jemand, der ein überschaubares Leben führt, ohne große Abenteuer oder Risiken. Also jemand wie ich (abgesehen von den Pullundern).

Die Kritik an solchen Spießern halte ich für völlig überzogen. Allein schon deswegen, weil sie eigentlich gar keine Spießer sind. Denn tatsächlich ist ein Spießer jemand, der intolerant ist, andere Meinungen nicht gelten lässt und auf Menschen herabsieht, die Pullunder mit Rautenmuster tragen.

Ein Spießer kann also Schiffsmodelle nachbauen oder in Swingerclubs gehen, er kann Pullunder tragen oder Baggy-Hosen, er kann im Vier-Sterne-All-Inclusive-Hotel in Antalya urlauben oder mit dem Rucksack durch den brasilianischen Urwald wandern. Wenn er nicht akzeptiert, dass andere anders leben, ist er ein spießer.

Ich wiederum akzeptiere selbstverständlich, wenn jemand weder Vertikutierer noch Rasentrimmer besitzt. Soll halt jeder seinen Garten verkommen lassen, wie er will. Ist mir doch vollkommen wurscht, ob woanders Wildwuchs herrscht und die Grünanlage zur Schande für die Nachbarschaft mutiert. Mit einer Müllhalde im Garten. Ungepflegtes Pack. Widerlich!

Aber bitte, jeder wie er will. Ich bin schließlich kein Spießer, kein echter.