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13.11.2009

Folge vom 13.11.09

Wer mit der Mode gehen will, muss von Zeit zu Zeit seinen Kleiderschrank inspizieren, um zu erkennen, ob man sich mit den dort gesammelten Klamotten noch auf der Straße blicken lassen kann oder nicht. Wer nicht mit der Mode gehen will – so wie ich – kann sich das natürlich auch schenken. Aber selbst Fashion-Muffel wie ich, die den guten alten Standard bevorzugen (Jeans und in der Wäsche auf mysteriöse Art und Weise eingegangenes Hemd), können es nicht verhindern, dass die an der Stange baumelnden Kleiderbügel bisweilen laut um Hilfe rufen, weil sie den Muff und Mief der alten Stofffetzen nicht mehr ertragen können.

Dann geht unsereins ins nächstgelegene Geschäft, kauft drei Hemden, die noch nicht eingegangen sind, hängt sie in den Schrank und die Kleiderbügel sind zufrieden. Ziemlich einfach.

Wesentlich schwieriger ist es, wenn der Schuhschrank sich entrüstet zu Wort meldet. Das hat mehrere Gründe. Zunächst ist Schuhe kaufen generell kein Vergnügen. Die Frau will mit, weil sie dem Mann nicht zutraut, ohne Beratung ein ansehnliches Paar Treter zu erwerben. Die Folge: Die geht mit, verharrt eineinhalb Minuten in der Herrenschuhabteilung, scharrt ungeduldig mit den Füßen, so, als müsse sie dringend auf die Toilette und japst schließlich: „Guck du mal weiter. Ich geh' rüber.“
„Wohin rüber?“
„Na zu den Damenschuhen.“
„Ja, aber . . .“ Doch da ist sie auch schon weg.

Also greift der Mann – nunmehr einsam, hilflos und verlassen – mehr oder weniger wahllos ins Regal (im Idealfall erwischt man die Reihe mit der richtigen Größe), und fischt einige Paar heraus. Dann macht er sich auf den Weg, die Gattin zu suchen. Die irrwischt längst in der Damenschuhabteilung herum, jauchzt zwischen Stiefeln, seufzt zwischen Hochhackigen, freudeschreit unter Sneakers, Riemchenschuh und Sandalette. „Liebes, schau mal, ich habe . . .“
„Was? Wer stört? Ich bin beschäftigt. Geh weg.“ Irrer Blick. Dann: „Nein, bleib'. Ich habe keinen Geldbeutel dabei. Du zahlst.“

Jetzt ist es ganz wichtig, ihr zu versprechen, ihr mindestens zwei Paar Schuhe zu kaufen, wenn sie nur einen klitzekleinen Moment ihrer wertvollen Schuhgeschäftszeit opfert, um einen Blick auf die eigenen Schnürschuhe zu werfen, die darauf warten, mit kritischem Damenblick beäugt zu werden. „Was ist das denn?“, fragt sie dann.
„Schuhe“, sagt der Mann.
„Schuhe? Das ist ein Albtraum. Was willst du mit den spitz zulaufenden Dingern? Bist du neuerdings Zuhälter?“
„Die sind doch cool.“
„Das sind Zuhälterschuhe. Kommt nicht in Frage.“

Das ist ein wichtiger Augenblick, denn jetzt ist sie abgelenkt und ganz wild darauf, den Mann so zu besohlen, wie es ihr gefällt. Er hat ihr Jagdfieber raffiniert auf den Herrenschuh gelenkt. Vorübergehend. Zwei Stunden später verlassen die beiden den Laden. Er schwer bepackt, sie glücklich. Beide haben je drei paar neue Schuhe, er hat alle bezahlt, sie hat alle rausgesucht, er ist skeptisch, sie euphorisch, er pleite, sie nicht. So läuft das. Jedenfalls bei Aurélie und mir. Der einzige Trost: Die neuen Schuhe reichen mir mindestens drei Jahre. Und jetzt bleibt es erst recht dabei: Niemals werde ich mit der Mode gehen. Niemals.