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14.08.2009

Folge vom 14.08.09

Selbst nach mehr als einem Jahr Ehe, also nach einer biblischen Zeit, schafft es Aurélie immer noch, mich zu überraschen. Zum Beispiel damit, dass sie vergangene Woche auf unserer Terrasse saß, über eine Zeitschrift gebeugt, einen Stift in der Hand und unwillig vor sich hinmurmelnd.


„So ein Mist. Das passt nicht. Wieso geht das nicht? Ah, da fehlt noch eine 1.“ „Was, bitte, machst du denn da?“, fragte ich, der stets interessierte Ehemann. „Sudoku. Muss mich konzentrieren. Lass mich!“
Übersetzt hieß das: „Ich übe mich gerade in der hohen Kunst des Sudoku, du weißt doch, dieses japanische Zahlenrätsel. Leider erfordert das meine volle Konzentration, totale Hingabe, sonst komme ich nicht voran, und das willst du sicherlich nicht. Ich freue mich schon darauf, mich nachher mit dir über den Verlauf deines Tages zu unterhalten. Damit es schnell soweit ist, wäre es außerordentlich angenehm, wenn du so rücksichtsvoll sein könntest, dich noch einige Minuten zu gedulden, dir vielleicht ein Getränk zu richten – wenn du so lieb wärst, mir bitte auch – und einfach die sommerliche Wärme zu genießen, bis ich fertig bin. Vielen Dank für dein Verständnis, du bist ein so toller Ehemann.“
Das wollte sie sagen, aber konzentriert wie sie war, reichtes es nur für die Kurzform. Als toller Ehemann erfüllte ich ihren Wunsch natürlich trotzdem und zog mich zurück.

30 Minuten vergingen, und ich linste dann doch mal auf die Terrasse, schob einen Stuhl zurecht, ließ mich nieder und nahm ein Buch zur Hand.
„Psst!“, sagte Aurélie. „Tschuldigung. Klappt's?“ „Nein. Muss mich konzentrieren. Lass mich.“ Drei Stunden später ging ich ins Bett, Aurélie schlurfte entnervt hinterher. „Und?“ „Lass mich.“ Schien wohl nicht geklappt zu haben mit der Lösung.

Auch an den folgenden Tagen versank Aurélie im Sudoku-Fieber. Ich wunderte mich zwar, schließlich gibt es die nervtötenden Zahlenspiele schon seit Jahren, aber bitte, ich freue mich ja, wenn meine Frau Hobbys hat. Deshalb besorgte ich zwei Sudoku-Bücher mit Schwierigkeitsgraden von „sehr leicht“ bis „sehr schwer“.
Eins davon nahm ich, eins Aurélie. Ich fand, „sehr leicht“ war ziemlich schwierig. Aurélie fand das auch. Und so rätselten, fluchten und murmelten wir fortan gemeinsam. Solche Gemeinsamkeiten können einer Ehe ja nur gut tun.

Wem das nicht gut tat, war Toni.
„Mir ist langweilig“, sagte sie. „Darf ich wenigstens miträtseln?“
Ich lächelte nachsichtig. „Tut mir leid, aber das ist zu kompliziert für dich.“ Toni schmollte.

Am nächsten Tag wollte sie mir wieder helfen, aber das ging natürlich gar nicht. „Muss mich konzentrieren. Lass mich“, sagte ich.
Sie war beleidigt.

So beleidigt, dass sie sich, als Aurélie mit dem Hund Gassi ging, deren Buch schnappte, es in der Mitte aufschlug und begann, Zahlen zu schreiben.

Nach zehn Minuten sagte sie: „Hier, hab' es geschafft.“
Es war die mittelschwere Variante, an die Aurélie und ich uns noch nicht gewagt hatten. Toni schon. Mit Erfolg. Ich glaube, sie ist ein Genie.
Oder Aurélie und ich sind einfach zu dämlich. Noch eine Gemeinsamkeit. Kann einer Ehe ja nur gut tun.