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15.11.2008

Folge vom 15.11.08

Viele junge Menschen besinnen sich wieder auf konservative Werte. Sie träumen nicht von freier Liebe, nicht von einer Kokosnussplantage in der Karibik, nicht vom schnuckeligen Leben ohne Pflicht und Verantwortung. Nein, viele junge Menschen träumen von glücklicher Monogamie in der Ehe, von einem Vorstadtreihenhäuschen mit kleinem Garten und von zwei Kindern – natürlich ein Junge, ein Mädchen – die stets adrett gekleidet und mit sauberen Händchen Ehre bei Familienfesten einlegen.

Als ich noch jung war, hatte ich alternierende Träume. Mal von freier Liebe (hat sich nie erfüllt), mal von der Ehe (hat sich dann doch noch erfüllt). Mit 25 verkündete ich meiner damaligen Freundin, dass ich spätestens mit 35 verheiratet sein, zwei Kinder (natürlich ein Junge, ein Mädchen, die stets adrett gekleidet usw.) gezeugt haben und Besitzer eines Reihenhäuschens mit kleinem Garten sein wolle. Vermutlich hat das meine damalige Freundin sehr erschreckt, denn kurz darauf war sie meine Ex-Freundin und meine Zukunftspläne pulverisiert wie in Lehmann-Zertifikate investierte Ersparnisse.

Nun ist es so, dass das Leben sich ändert, stetig und ständig und dass es ohnehin immer anders kommt, als geplant. Als ich mich also gerade mit dem Gedanken anfreundete, doch noch der freien Liebe zu frönen, trat Aurélie in mein Leben, wir heirateten, als ich gerade noch so eben 35 war und eigene Kinder habe ich zwar nicht gezeugt, aber mit Toni eine hinreißende Stieftochter, die eigene Kinder locker ersetzt.
Nur das mit dem Haus hat nicht funktioniert. Zunächst. Doch jetzt, 36-jährig, habe ich es doch noch geschafft, stolzer Besitzer eines Reihenhäuschens mit kleinem Garten zu werden. Das ist einerseits ein Anlass zur Freude.

Andererseits aber auch der Grund, warum ich mich heute mit letzter Kraft an meinen Schreibtisch schleppe, mich auf den Stuhl hieve und die Hände gerade noch so auf die Tastatur hebe, um diese Zeilen zu schreiben. Ach, meine Hände. Rissig sind sie, voller Schwielen, übersät mit kleinen Wunden, aus denen Blut troff und Schweiß und Tränen.
Denn wir mussten das Haus renovieren. In Eigenarbeit. Es war schrecklich.

Früher habe ich mir manchmal mit Aurélie im Fernsehen Sendungen angeguckt, in denen Menschen alte Häuser auf Vordermann bringen. Menschen, die tapezieren, streichen, Böden verlegen, die nageln, bohren, hämmern, Menschen, die wissen, was sie tun und die trotzdem erschöpft sind und an ihren Häusern verzweifeln. Mich schauderte es beim Betrachten dieser Filmchen, erst entsetzt, dann wohlig, denn ich machte es mir auf dem Sofa in unserem gemieteten Wohnzimmer bequem und sagte erleichtert: „Zum Glück muss ich niemals tapezieren, streichen, Böden verlegen. Das könnte ich nie.“
„Und wenn du ein Haus kaufst?“, fragte Aurélie.
„Ich kaufe nur ein neues Haus, schlüsselfertig, eins, in dem ich nix machen muss.“ Das war ein Irrtum. Ein folgenschwerer. Einer, der meine Hände ruinierte. Ich würde Ihnen gern davon erzählen. Aber ich kann nicht mehr. Vielleicht ein andermal. Jetzt muss ich aufhören, mich ausruhen, meine Wunden lecken. Und dann nach Hause fahren. Um noch ein Regal aufzuhängen, die Bohrmaschine wartet schon. Ich glaube, sie grinst diabolisch.