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16.08.2008

Folge vom 16.08.08

Ich kann nichts Verwerfliches daran erkennen, Gespräche im Zug zu belauschen. Wer nicht will, dass Fremde die eigenen Geschichten mithören, der solle sich im Flüsterton unterhalten oder gleich gänzlich schweigen, jedenfalls in der Öffentlichkeit. Und Zugfahrten sind der Inbegriff der Öffentlichkeit, Großraumwaggons zumal. Dort wird der Schall nicht einmal von Abteiltüren daran gehindert, sich über mehrere Sitzreihen hinweg auszubreiten.

Und wenn man es so betrachtet, konnte ich gar nichts dafür, als ich vergangene Woche ein Gespräch im Interregio von Karlsruhe nach Pforzheim verfolgte. Es war mir nicht einmal recht, denn ich versuchte, mich auf meine mitgebrachte Lektüre zu konzentrieren, mir die morgendliche Fahrt mithin lesend zu verkürzen.

Doch bald klappte ich mein Buch zu, denn es begab sich, dass in der Sitzreihe vor mir zwei Jünglinge von etwa 19 Jahren saßen. Die beiden plauderten angeregt über dies und das, bis der eine, angetan mit einer Baseballkappe, folgende Frage mit leicht kritischem Unterton stellte:
„Und? Fährst du heute wieder mit uns zurück? Oder bleibst du bei deiner Freundin.“
Der andere, ohne Kappe, dachte kurz nach, dann sagte er: „Ey Mann, warum fragst du? Und warum lachst du so?“
„Nee, echt jetzt“, sagte da Mit-Kappe. „Sag halt mal.“
Darauf Ohne-Kappe: „Mann, jetzt lach doch nicht so. Ich weiß es noch nicht. Kommt halt so drauf an, ob sie noch was vorhat.“
Dann schwiegen sie und ich nahm meine entspannende Lesetätigkeit wieder auf. Bis Mit-Kappe sagte: „Wie habt ihr euch eigentlich kennengelernt? Erzähl mal so.“
Ohne-Kappe dann so: „Das ist 'ne lange Geschichte. Ich fang dann mal an.“

Dann fing er an und es war eine lange Geschichte. Ging um gemeinsame Seminare und Vorträge und Lernerei und all so ein langweiliges Zeugs, das übliche Kennenlern-Geschwafel eben. Ich widmete mich wieder meinem Buch.

Da sagte Ohne-Kappe: „Na ja, und dann hat sie halt voll so erzählt, dass sie seit zwei Monaten ohne Freund ist. Und dass der Freund halt total Scheiße war und so.“
Er machte eine kurze Pause. Dann sagte er.
„Na ja. Und so halt.“
„Cool. Und dann?“
Ohne-Kappe lachte verlegen. „Dann hat es halt so gefunkt und so.“
„Cool.“
Sie schwiegen. Ich auch. Dann sagte Mit-Kappe: „Sag mal ganz ehrlich: Gibt es was, was dir nicht so gefällt an ihr. So ganz ehrlich aber. Kannst echt ehrlich sein.“
„Ey Mann . . .“
„Echt, sei ehrlich.“
„Ja, so, ich nehm' mir halt echt immer voll viel Zeit für sie und sie sich halt nicht so für mich. Das nervt manchmal schon so. Aber sonst ist es echt cool, wir haben voll viele gemeinsame Hobbys.“
„Echt? Spielt sie auch EPS?“
„Nee, natürlich nicht, spinnst du?
„Ja und sonst? Was hat sie so für Hobbys.“
„Wie, was hat sie für Hobbys? Mann ey, keine Ahnung so.“
Dann bimmelte das Handy von Ohne-Kappe und danach sprachen sie über andere Dinge.
Ich las weiter in meinem Buch und grübelte darüber nach, was EPS wohl sein mag.
Bis der Zug halt so hielt und ich voll cool ausgestiegen bin.