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16.10.2009

Folge vom 16.10.09

Wenn man mal ganz ehrlich ist, wenn man mal in sich geht, in die Tiefe des eigenen Unterbewusstseins, um dort zu graben, zu schürfen, zu kratzen, dann fördert man eines gewiss zu Tage: Wir alle, Sie genau wie ich, träumen von einer heilen Welt.

Ohne Krieg, ohne Niederlagen des SC Freiburg, ohne Proleten, die pöbelnd auf der Straße rumlaufen.
Nun wäre es ein Leichtes, wehzuklagen und zu rufen: „Was sollen wir schon tun? Wir können nichts gegen Krieg unternehmen. Wir können keine Tore für Freiburg schießen. Wir können nicht die Proleten zu guten Menschen umerziehen.

Stimmt. Aber wir können bei uns anfangen. Im eigenen Heim, der eigenen Familie, im eigenen Tun und Denken. Das ist ein sehr sozialkritischer Ansatz, ich weiß. Schöne Worte, die mir vielleicht zu einem Journalistenpreis verhelfen, verliehen von einer sozialkritischen Sozialkritik-Gutmenschen-Gesellschaft mit Sitz in Potsdam oder Bremen oder wo Gutmenschen sonst so sitzen. Eine Gesellschaft jedenfalls, die sozialkritische Textbeiträge in der rauen Medienwelt zu würdigen weiß – und zu honorieren, zum Beispiel mit einem Sozialkritikpreis, der mit 10 000 Euro dotiert und mir zu überreichen ist.

Doch ich will realistisch bleiben. Solche Preise verleiht mir keiner, auch wenn ich sie verdient hätte. Also wende ich mich lieber wieder dem Kern dieses kleinen Textes zu, nämlich der Arbeit in der eigenen Familie.
Wir sind ein friedliches Volk, Toni und Aurélie, Luigi und ich. Toni findet Krieg blöd, Luigi ist bekanntlich ohnehin Pazifist, Aurélie ist bisweilen erschreckend nah am Gutmenschentum und ich habe Zivil- statt Wehrdienst absolviert, was zum Beweis meiner Friedfertigkeit reichen muss. Wir sind also eine liebenswerte, gewaltfreie, proletenlose Familie. Fast.

Denn neuerdings machen wir uns Sorgen um Samson. Samson, das muss man so deutlich sagen, hat sich zu einem Proleten entwickelt. Gehen wir mit ihm spazieren und er entdeckt einen anderen Rüden, der ihm bis dato unbekannt ist, fängt er an zu knurren, zu bellen, an der Leine zu zerren, bereit, dem Konkurrenten die Zähne zu zeigen oder gleich ins Fleisch zu drücken.

„Samson“, sage ich dann. „Wir machen so was nicht. Das ist echt nicht okay, du.“ Dabei gucke ich ihn streng, zugleich aber verständnisvoll an. Ist halt in der Pubertät, der Kleine. Kennt man ja. Halbstark daherreden, Mofa frisieren, Tätowierung stechen lassen, andere Typen, die einen blöd von der Seite angucken, verprügeln.

Leider reagiert Samson auf meine Worte nur unzureichend. Beim nächsten Rüden flippt er regelmäßig wieder aus. Also haben wir beschlossen, ihn nochmal in die Hundeschule zu schleppen. Das ist eine Art Therapiegruppe für Vierbeiner, ein Abenteuercamp für tierische Ganoven.

Gabi, die Therapieleiterin, ist guter Dinge, dass sie Samson wieder auf den rechten Weg bringen kann. Er verhalte sich normal, ein klassischer Rüde eben. Wir müssten halt viel mit ihm arbeiten.
„Wir? Wieso wir? Sind wir Proleten oder der Hund?“
„Der Hund. Aber ihr seid verantwortlich.“ Na toll. Der spinnt rum, und wir müssen es ausbaden. Am Abend habe ich erstmal Aurélie beschimpft. „Das hat er von dir.“
„Nein, von dir.“
„Nein, von dir.“
„Nein...“ Zum Glück sind wir so eine friedliche Familie. Sonst hätte es echt gekracht.