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21.04.2010

Folge vom 17.04.10

Wach! Ich bin wieder wach! Das ist schon mal gut, man weiß ja nie, ob sich so ein Narkosearzt nicht in der Dosierung verschätzt und einen in die ewigen Jagdgründe schickt. Wäre blöd gewesen. Die nächste gute Nachricht: Ich kann meine Beine noch bewegen. Zu der langen Horrorliste der möglichen Risiken einer Bandscheiben-Operation gehört nämlich auch eine Querschnittlähmung.

„Keine Sorge“, hatte der Professor gesagt, „ das Risiko liegt nur im Promillebereich“. Das ist vermutlich wenig tröstlich, wenn man selbst derjenige ist, der in eben diesen Promillebereich fällt. Ist mir aber nicht passiert und so kann ich mich nun wieder den schönen Dingen des Lebens widmen.

Zum Beispiel dem Essen. Kaum war ich nach der Operation wieder halbwegs bei Sinnen, knurrte mein Magen, als sei er nie in Narkose gewesen. Der Hunger nagte an mir wie eine Maus am Käse. Kein Wunder, es war schon 16 Uhr, ich hatte den ganzen Tag nichts gegessen und nur wenig getrunken. Chirurgen wollen ihre Patienten ja immer nüchtern vor sich liegen haben.

Ich war also eben so wieder des Sprechens mächtig, als ich mich an die Krankenschwester wandte und mein Begehr formulierte: „Hunger“, flüsterte ich. „Ich habe Hunger.“

Die Krankenschwester nickte wissend, täschtelte meine Schulter und sagte: „Ich weiß. Aber Sie müssen noch warten. Könnte ja sein, dass es eine Nachblutung gibt und wir Sie gleich noch einmal operieren müssen. Tut mir Leid.“

„Warten!?“, flüsterte ich entsetzt. „Wie lange?“
„Höchstens vier Stunden.“
Da wurde mir zum ersten Mal schlecht.

Ein paar Stunden später – mein Magen war mittlerweile zu einem tiefen, schwarzen Weltraumloch mutiert – reichte mir die Krankenschwester eine Schnabeltasse voller Pfefferminztee. „Mal sehen, wie Ihr Magen reagiert.“ Ich fand, mein Magen reagierte prächtig. „Und?“, fragte die Krankenschwester. „Prächtig“, sagte ich. „Kann ich jetzt was essen?“ Einige Minuten später kam sie endlich mit dem Tablett voller Brot, Käse, Wurst und Joghurt. Köstlich. Ich begann leicht zu sabbern, setzte mich vorsichtig auf und begann, ein Brot mit Diätmargarine zu streichen, um es hernach mit einer Scheibe Käse zu adeln. Doch noch während ich nach dem Käse griff, merkte ich, wie mir speiübel wurde. Das Krankenzimmer begann sich um mich zu drehen, der Schweiß perlte von meiner Stirn, der Pfefferminztee bahnte sich seinen Weg nach oben.
Ich warf noch einen letzten sehnsüchtigen Blick auf mein Brot, ließ mich dann sacht zurückfallen, griff nach der neben dem Bett platzierten Nierenschale und entließ den Pfefferminztee zurück in die Freiheit, beziehungsweise in die Nierenschale.

Dann griff ich im Liegen nach meinem Butterbrot, tastete nach der Käsescheibe, pappte sie auf das Brot, biss ab, seufzte, kaute – und war glücklich.

Danach war alles gut; Aurélie und Toni besuchten mich jeden Tag. Einmal brachten sie Samson mit, der vor dem Krankenhaus-Areal im Auto wartete. Ich schlurfte die 200 Meter Wegstrecke, verlor dabei das Rennen gegen eine Weinbergschnecke, setzte mich schließlich erschöpft auf eine Bank und wartete, bis Aurélie mit Samson an der Leine zu mir kam. Ach, was war die Freude groß. Bei mir. Bei Samson nicht. Der lechzte nur nach Leckerli, nicht nach mir. Blöder Kerl. Hat nicht kapiert, in welcher Gefahr ich war. Narkose-Unfall, Querschnittslähmung, Hungertod – und meinem Hund ist alles egal. Denkt nur ans Fressen. Ehrlich, dafür hab' ich kein Verständnis.