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17.04.2009

Folge vom 18.04.09

Wer das Wort „Raubtier“ hört, denkt an Löwen, an Tiger, mit etwas Fantasie vielleicht auch an eine Elster, der man ja nachsagt, sie sei diebisch, neige also zum Raub.

Wer das Wort „Raubtier“ hört, denkt jedoch nicht an den Schmusekater, der einen täglich mindestens dreimal treuherzig ansieht, um hernach laut klagend sein Recht auf Dosenfutter anzumelden. Doch das ist einer von so vielen menschlichen Irrtümern, die unserer Spezies das Leben schwermachen.

Zu dieser Erkenntnis kam ich an einem trüben Frühlingsmorgen, ich lag noch im Bett, draußen dämmerte der Tag missmutig vor sich hin. Toni trampelte die Treppe hinunter, Aurélie wachte davon auf und machte sich auf den Weg, dem Töchterlein das Schulbrot zu schmieren und Toni ein wenig Gesellschaft zu leisten.

Nun ist Aurélie am frühen Morgen besonders langsam, weshalb das Sich-auf-den-Weg-machen geraume Zeit in Anspruch nahm. Genau genommen lag sie nach drei Minuten immer noch im Bett.
Doch das sollte sich ändern.

„AUS!“, rief Toni aus vollem Halse. Und noch einmal: „AUS! Samson . . . AUS!“

Aurélie richtete sich auf, ich rieb mir den Schlaf aus den Augen. Gutes Kind, dachten wir. So energisch. Zeigt dem Hund, wo's langgeht.
Dann ertönte ein Schrei. Ein hoher, langgezogener Schrei, der in einem Wimmern endete. Schreie dieser Art sorgen gern dafür, dass Aurélie ihre morgendliche Lethargie ablegt und ratzfatz eine Etage tiefer sprintet. So auch diesmal.

Sie raste nach unten, ich hinterher. „Hat er dich gebissen?“, rief Aurélie.
Abwegiger Gedanke, dachte ich. Samson beißt nicht.

Toni antwortete nicht, sie stand immer noch wimmernd und schluchzend auf dem Wohnzimmerteppich, Samson direkt vor ihr, mit überzeugender Unschuldsmiene.

Dann schüttelte sie den Kopf. Nein, kein Hundebiss. Sondern das! Sie deutete auf den Boden.

Dort lag eine Babymaus, die mausetot war. Toni hatte gesehen, dass Samson etwas im Maul hatte und da muss man vorsichtig sein, so ein Hund stopft ja alles in sich rein, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Und eine tote Maus kommt beim besten Willen auf keinen Baum. Nicht bei drei, nicht bei zehn, nicht bei hundert.

Toni rief also pflichtgemäß „AUS“, hielt die Hand unter Samsons Fang und wartete darauf, dass der seine Beute fallen lässt. Sie erwartete ein Stoffbündel, ein Wollknäuel, vielleicht auch ein Plastikbällchen. Doch es kam: eine tote Maus. Da kann so ein Kind schonmal spontan losschreien.
Woher Samson die Maus hatte, war zunächst ungewiss.

„Von Luigi“, schlug ich vor. „Quatsch“, sagte Aurélie. „Der ist doch gar nicht fähig, Mäuse zu fangen.“ Ich fand, dass sie unserem Kater zu wenig zutraute. Nur weil er beim Baumklettern immer runterfällt und bislang im Wesentlichen durch Jagd auf Insekten aufgefallen war, heißt das noch lange nicht, dass er kein veritabler Mäusejäger ist.
Und siehe da, zwei Tage später stolzierte Luigi am Abend in die Wohnstube, eine dicke Maus im Maul, die er uns zu Füßen legte. Er war stolz wie Oskar. Unser kleiner schwarzer Panther. Unser Raubtier.
Dass wir die geschenkte Maus nicht verspeist, sondern entsorgt haben, konnte er allerdings nicht verstehen. Aber wer versteht schon die Menschen?