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18.10.2008

Folge vom 18.10.08

Toni ist nun auf dem Gymnasium und nach einigen Wochen lässt sich sagen: Auf dem Gymnasium ist es ganz schön anstrengend. Jeden Morgen hat sie sechs Stunden Unterricht, dazu dreimal Mittagsschule, einmal kommt die Flötenlehrerin, freitags tanzen und mittwochs möchte sie ins Improvisationstheater. Und Hausaufgaben sind auch noch zu machen.

Da ist man versucht, zu lamentieren. Und zwar darüber, wie maßlos übertrieben es doch ist, den Kindern so viel abzuverlangen, sie zu quälen, sie zu triezen, sie zu Lernmaschinen abzurichten.

Einen gesellschaftskritischen Text könnte man verfassen, gespickt mit Fremdwörtern, damit er schön gelehrt klingt, und gewürzt mit allerlei Mahnungen, den überbordenden Leistungsdruck nicht ausufern zu lassen. Und das alles mehrfach in dem Satz gipfelnd: „Hört endlich auf, unseren Kindern die Kindheit zu nehmen!“

Klingt gut, gelle? Da mache ich mir Freunde bei Müttern und Vätern, die schier verzweifeln, weil die Sprösslinge nur noch an die Schule denken und deshalb die Spülmaschine nicht mehr ausräumen, den Müll nicht mehr nach unten tragen, Papas Pfeife nicht mehr stopfen. Unmöglich!
Doch ich lasse die Kritik beiseite, stelle sie ins Abseits, lege sie in die Abfalltonne gutmenschelnder Pamphlete, in der ansonsten die Schriften von Tierrechtlern, angehenden Sozialpädagoginnen und Gegnern von verkaufsoffenen Sonntagen zur verdienten Ruhe kommen.

Stattdessen sage ich mit allem gebotenen Egoismus: Gut, dass ich noch neun Jahre Zeit hatte, den gymnasialen Stoff in mein Hirn zu prügeln (um der Wahrheit die Ehre zu geben: In meinem Fall waren es sogar zehn Jahre). Bevor Sie mich nun aber der Herzenskälte zeihen, mir bitterböse Vorwürfe machen und mich als Raben-Stiefvater verunglimpfen, halten Sie bitte ein und warten Sie ab, was Toni selbst zu sagen hat. Denn das ist das einzige, was zählt.

Wohlan. Toni sagt: „Es ist schon anstrengend. Aber irgendwie auch langweilig manchmal.“

Oh-oh . . . klingt da etwa ein Anflug von Unterforderung mit? Ist das Kind nicht ausgelastet? Ganz so schlimm ist es nicht. Zu meiner Beruhigung hat Toni schon die eine oder andere Mathematikaufgabe nicht verstanden und einen Hausaufgabenaufsatz hat sie mangels Engagement in den Sand gesetzt, indem sie dem Lehrer eine Ultra-Kurzfassung vorsetzte. Statt der geforderten DinA4-Seite (geschrieben am Computer) lieferte sie gerade mal ein Viertelseitchen ab.

Doch es winkt Besserung. Denn Toni hat große Ziele. Zwei Tage ist es her, dass sie sich vor uns aufbaute und mit wichtiger Miene verkündete: „Die nächsten zwei Jahre widme ich nur dem Lernen. Für Jungs habe ich jedenfalls keine Zeit.“

Ich verkniff mir ein Lachen, den lachen kommt in solchen Fällen gar nicht gut. Toni fühlt sich dann nicht ernst genommen. Ich nahm sie ernst – und beschimpfte sie: „Du willst so eine furchtbare Streberin werden? Die immer nur lernt und unbeliebt ist? Nichts gegen Fleiß, aber du darfst es nicht übertreiben. Du sollst schließlich auch noch ein Leben neben der Schule haben.“

Toni überlegte. Dann sagte sie: „Ich werde eine beliebte Streberin sein. Alle werden mit mir lernen wollen, weil ich so gut bin und so nett.“
Was natürlich ein beneidenswert guter Plan ist.