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19.07.2008

Folge vom 19.07.08

Toni hat mich angewiesen, einen Text zu schreiben. Und zwar darüber: Toni und ich waren im Zirkus, bei „Roncalli“. Das allein könnte Sie nun schon neidisch werden lassen, aber es kommt noch besser: Mein Chef hatte mir zu Beginn der Woche zwei Eintrittskarten für das Manegenspektakel in die Hand gedrückt, versehen mit den Worten: „Machen Sie sich und Ihrer Frau einen schönen Abend.“

Weil Aurélie Zirkus nicht sonderlich mag, Toni und ich aber schon, war schnell klar, wer den schönen Abend haben würde. Toni war, wie immer, schon Stunden vorher total aufgeregt.

Diese Aufregung hing vor allem damit zusammen, dass die beiden Freikarten uns nicht etwa ins dunkelste Eck des Zeltes führten, sondern in eine Loge – direkt an den Manegenrand. Toni war begeistert.
Ich nicht.

Denn die erste Reihe ist eindeutig die gefährlichste im ganzen Zelt. Ich hatte schon in der Nacht zuvor schreckliche Albträume von Clowns, die mich von meinem Platz zerren und mich vor ausverkauftem Haus blamieren, von Zauberern, die mich, die liebliche Jungfrau, in der Mitte zersägen und anschließend vergessen, wie das mit dem Zusammenfügen funktioniert.

Es war keine schöne Nacht, schweißgebadet wachte ich auf und nahm mir vor, alles zu tun, um doch nicht in vorderster Front zu sitzen.
Aber ich hatte natürlich keine Chance gegen Toni, die mich energisch nach vorne zog. Also harrte ich der Dinge, die da kommen sollten.

Es kam – ein Clown. Der Clown kam oft, „Roncalli“ ist ein lustiger Zirkus, und die Clowns sind vorzüglich. Eines der Merkmale vorzüglicher Clowns ist, dass sie das Publikum in ihr Tun einbeziehen. So kam es, dass der Kollege Rosendahl, der neben mir saß, seiner Kamera vorübergehend verlustig ging, weil der Clown sich das gute Stück auslieh, um damit Schabernack zu treiben.

Ich zitterte derweil weiter, und duckte mich immer tiefer in meinen Stuhl, wenn die Spaßmacher die Manege enterten. Mit Erfolg, bis zum Schluss blieb ich verschont.

Als das große Finale kam, applaudierten Toni, die anderen Gäste und ich verzückt, ließen uns gar zu stehenden Ovationen hinreißen. Ich für meinen Teil klatschte, weil das Programm so gut war und ich den Abend ohne Blamage überstanden hatte. Toni klatschte und strahlte, nachdem ihr der Weißclown mit lieblichem Lächeln einen riesigen roten Luftballon in die Hand gedrückt hatte. Sie war glücklich, ich erleichtert, alles war gut.

Bis die Zirkus-Kapelle plötzlich einen Walzer anstimmte und sich mir eine zarte Frauenhand entgegenstreckte, an deren Ende eine hübsche, junge Zirkusdame mich lächelnd zum Tanze aufforderte.

Ich kann nicht tanzen.

Weshalb ich stotternd sagte: „Ich kann nicht tanzen.“

„Das macht nichts“, sagte das lächelnde Wesen.

„Aber ich kann wirklich nicht tanzen.“

Doch sie streckte mir ihre Hand immer noch entgegen. Also stolperte ich schicksalsergeben in die Manege, ließ mich ein paar Takte führen, charmant anlügen – „du tanzt doch perfekt“ – und trollte mich hernach beschämt wieder auf den Platz.

„Du hast dich ganz schön blamiert“, sagte Toni ungerührt. „Darüber musst du jetzt aber auch was schreiben.“

Was hiermit geschehen ist.