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19.03.2010

Folge vom 20.03.10

Was wird nicht alles unterschätzt in dieser unserer Welt. Schönes Wetter im März zum Beispiel. Jahrzehntelang haben wir es einfach so hingenommen, wenn im März die Sonne schien und die Temperatur locker in zweistellige Bereiche schnellte. Wir waren der festen Überzeugung, es nicht anders verdient zu haben. Frühling für alle. Wie schön er wirklich ist, der Frühling im Märzen, das haben wir unterschätzt.

Andere unterschätzen Mainz 05. Oder ein frisch gebackenes Brot. Oder Angela Merkel. Nur Guido Westerwelle wird nie unterschätzt, aber es ist vielleicht besser, das nicht zu schreiben, denn das ist politisch, und es könnte passieren, dass sich die FDP beschwert, was unschön enden könnte. Man sollte die FDP nämlich nicht unterschätzen.

Sprechen wir also lieber von anderen Dingen, die mit bedrückender Regelmäßigkeit der allgemeinen Unterschätzung zum Opfer fallen. Etwa Toilettendeckel mit Sitz. Man klappt sie halt auf, setzt sich drauf, tut, was zu tun ist, steht wieder auf, klappt sie im Idealfall wieder herunter, wäscht sich die Hände und verschwendet in all dieser Zeit keine einzige Sekunde an das segensreiche Wirken eines Toilettendeckels mit Sitz.
Wie wäre das Leben denn ohne WC-Sitz?

Denken Sie mal einen Moment darüber nach, ob Sie es als angenehm empfänden, sich frühmorgens, bei eisiger Kälte, direkt auf der Schüssel niederlassen zu müssen, auf diesem dünnen, unwirtlichen Rand. Und sagen Sie jetzt nicht, das sei unappetitlich, schließlich geht es hier um Hygiene. Ums Wohlfühlen. Oder, um mit Marketingchefs mittelständischer Hygieneartikelhersteller zu sprechen: um Wellness.

Ja, es ist ein schönes Gefühl, sich auf einem WC-Sitz platzieren zu dürfen, aus Kunststoff gefertigt, mit einem Material gebaut, das die schlimmste Kälte zurückhält und angenehme Wärme an uns strömen lässt. Halten Sie sich diesen Moment vor Augen, und Sie werden nie wieder einen Toilettendeckel unterschätzen.

Wenn Sie so weit sind, wenn Sie diese Stufe der Demut erreicht haben, dann haben Sie etwas mit mir gemeinsam. Ich weiß nämlich ganz genau um die Wichtigkeit von Toilettendeckeln. Als wir vor rund eineinhalb Jahren in unser Haus einzogen waren, war eine der ersten Aktionen, neue Toilettendeckel für unser Bad und das Gäste-WC zu kaufen. Man möchte schließlich auf dem eigenen Thron sitzen.

Dank des mir eigenen Mangels an handwerklichem Geschick dauerte es kaum drei Stunden, den ersten Deckel ab- und den neuen einzubauen. Danach kam das Gäste-WC an die Reihe, und schwupps – hatten wir neue, saubere, eigene, prächtige Toilettendeckel.

Bis die Beläge an den Scharnieren porös wurden und sich häuteten wie ein Engländer auf Mallorca. „Unmöglich“, befand Aurélie. „Wir brauchen neue Toilettendeckel.“ Also kauften wir welche, ich baute sie ein, die Beläge hielten – doch leider war der Sitz krumm. Und daran änderte sich trotz intensivster Bemühungen nichts. Tja, und wer will schon krumm auf dem Thron sitzen? Eben, niemand.

Deshalb haben wir nun die dritten Toilettendeckel erstanden, ein Sonderangebot mit Absenkautomatik. Großartige Teile. Sie senken sich wie von Geisterhand. Sie sitzen perfekt. Wir auch.

So. Jetzt wissen Sie das auch. Ich gehe nun und sehe meinem Toilettendeckel beim Absenken zu. Und wer das für öde hält, sollte nochmal übers Unterschätzen nachdenken...