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19.06.2009

Folge vom 20.06.09

Im Radio habe ich gehört, dass eine Frau auf die Frage, ob sie wisse, was ein Pazifist ist, geantwortet hat: „Nicht so genau.“ Sie meinte natürlich: „Nein, ich habe keine Ahnung.“ Darüber könnte man sich nun lustig machen, doch ich gehe davon aus, dass die Frau sich in anderen Bereichen blendend auskennt, von denen ich nichts, aber auch gar nichts weiß. In ihrem Beruf zum Beispiel oder wie sie es schafft, einen komplizierten Haushalt auf Vordermann zu halten. Kein Platz also für Hochmut.

Aber für Aufklärung: Pazifismus ist, so erklärt es „Wikipedia“, „eine ethische Grundhaltung, die den Krieg prinzipiell ablehnt und danach strebt, bewaffnete Konflikte zu vermeiden, zu verhindern und die Bedingungen für dauerhaften Frieden zu schaffen.“
Das nur vorweg, damit auch jeder weiß, was ich meine, wenn ich der Welt laut rufend mitteile: Luigi, unser Kater, ist ein Pazifist.
Natürlich, manchmal schleppt er Mäuse ran, die er zuvor getötet hat. Aber da steckt keinerlei Aggressionsverhalten hinter. Luigi will nur spielen und ist dabei im Überschwang etwas grob, der kleine Racker. Ich bin überzeugt, jede tote Maus belastet das Gewissen unseres schwarzen Panters sehr. Manchmal frisst er seinen Napf anschließend nicht ganz leer, weil ihm das tote Mäuschen nicht mehr aus dem Kopf gehen will. Armer Kerl.

Dass Luigi ein Pazifist ist – vermutlich der einzige pazifistische Kater der Welt – haben wir gemerkt, als er sich kürzlich im Garten tummelte und der Nachbarskater auftauchte. Der heißt Sonny, ist vielleicht zehn Monate alt, ziemlich klein, guckt mit großen Augen in die Welt, als könne er kein Wässerchen trüben – und jagt Luigi mit Vorliebe durchs Viertel, sogar durch unseren Garten.

Und Luigi? Der flieht. Dabei ist er etwas größer und rund ein Jahr älter als Sonny. Normalerweise sollte er das räudige Nachbarsvieh also problemlos in die Schranken weisen, ihn hauend und stechend aus seinem Revier jagen, ihm im Blutrausch nachstellen und zeigen, wo der Bartel den Most holt.
Macht er aber nicht.

Er zieht sich zurück, faucht ein bisschen, erschrickt vor sich selbst – Pazifisten fauchen schließlich nicht – und lässt sich dann vertrimmen. Fast täglich kommt er mit neuen Wunden an, mal hier ein Cut über dem Auge, mal da eine klaffende Wunde an der Hüfte. Gestern erschien er gar mit einer fremden Kralle, die sich in seiner Haut festgesetzt hatte.
Bisweilen wird übrigens Samson Zeuge der katerlichen Prügelaktivitäten. Aber anstatt seinem Mitbewohner zur Seite zu springen, guckt er nur irritiert zu, wedelt mit dem Schwanz und ist traurig, dass er nicht mitspielen darf. Von Verteidigung kann keine Rede sein. Luigi, kann sich also nie auf seinen großen Bruder berufen. Traurig.

Aber vermutlich würde er das auch nicht wollen, als Pazifist. Er ist jemand, der auch die linke Wange hinhält. Ein Christ im Katzenfell. Passiver Verkünder der frohen Botschaft. Niedergekommen, um den Menschen ein Vorbild zu sein, ihnen Liebe und Frieden zu bringen. Dafür lässt er sich gern verprügeln. Ja, er teilt sogar sein Brot. Manchmal klaut ihm nämlich Samson das Fressen. Und Luigi wehrt sich nie. Stattdessen erscheint ein gütiges Lächeln auf seinem Gesicht. Und der matte Schimmer eines Heiligenscheins steigt über seinem Haupt auf.
Und dann geht er mit Mäusen spielen.