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21.06.2008

Folge vom 21.06.08

Die Taube ist ein seltsames Tier. Einerseits als Friedenssymbol gefeiert, in weißem Gefieder zu Tausenden gen Himmel geschickt, um der Welt zu signalisieren, dass alles gut wird.

Andererseits verhasst als Ratte der Lüfte, als Fassaden, Parks und Köpfe zuscheißendes Federvieh, das zu nichts nutze ist, sondern, im Gegenteil, nur Geld kostet, der Fassadenreinigung wegen.
So ist sie, die Taube, ein zwiespältiges Getier.

In anderen Landstrichen freilich muss die Verwirrung um die Vögel noch viel größer sein. Denn während wir uns Tauben unter Umständen noch in ihrer gebratenen Variante auf dem Teller vorstellen können, entwickelt zum Beispiel der Ruhrpottler ein inniges Verhältnis zum gefiederten Freund. Nicht mittels Einverleibung, sondern mittels Haustierhaltung. Der Ruhrpottler an sich besitzt nämlich Brieftauben.

Ich habe nicht die geringste Ahnung vom Brieftaubenwesen, weiß nicht, ob die Flattermänner besonderes Futter benötigen, heimliches Flugtraining, ein implantiertes Navigationsgerät oder gar einen speziellen Flugschein, der in bestem Amtsdeutsch vermutlich „Briefbeförderungserlaubnis für staatlich geprüfte Flugtiere“ heißt.
Ich glaube nur zu wissen, dass Brieftauben zur Beförderung einer Nachricht von einem Ort zum anderen geeignet sind. In meiner Vorstellung bekommen die Tauben ein kleines Röllchen umgehängt, in dem ein Brieflein steckt mit einer wichtigen Botschaft, auf der zum Beispiel steht: „Deutschland ist Europameister“ oder: „Ich verlasse dich“ oder: „Bier is alle“. Damit fliegen die Tauben dann durch die Gegend, um die Nachricht atemlos hechelnd an den Adressaten zu bringen. Und das alles zu taubenverachtenden Mindestlöhnen.

So dachte ich mir das. Aber nun ist mein Brieftaubenweltbild schwer ins Wanken geraten: Ich fuhr auf der Autobahn von Karlsruhe nach Pforzheim, eine Gegend, die nicht gerade als Mekka der Brieftauberei bekannt ist. Vor mir zottelte ein kleiner Laster mit großem Anhänger daher auf dem stand geschrieben: „Brieftaubentransporter“.

Ich war entsetzt. So ist das also. Von wegen fliegen. Von wegen Hunderte von Kilometern durch die Lüfte flattern, zielsicher von Adresse zu Adresse sausen, verlässlich die Post abliefern.
Stattdessen sitzen die faulen Viecher bequem im blauen Brieftaubentransporter, spielen dort vermutlich Karten, trinken Ruhrpottbier, fressen Currywürste und amüsieren sich königlich über die menschlichen Botschaften, die sie sich gegenseitig vorlesen.

Da sieht man mal wieder, was für eine kaputte Gesellschaft wir sind. Oder anders gesagt: Was ist das nur für eine Gesellschaft, in der nicht einmal mehr die Brieftauben fliegen wollen, sondern sich von Ziel zu Ziel transportieren lassen? Wo bleibt das Leistungsprinzip? Und das Umweltbewusstsein? Und, um es auf den Punkt zu bringen: Wo bleibt, bitte schön, die Brieftaubenehre? Richtig, sie bleibt auf der Strecke. Im Brieftaubentransporter. Ganz schön bedenklich.

Wenigstens können einem die Viecher von dort aus nicht auf den Kopf kacken. Auch wenn das nur ein kleiner Trost ist. Höchstens taubenschissgroß.